Kampf um Konventionen – “Act of Dishonour”
Seit ihrer Geburt darf Mena das Haus nicht verlassen. Sie beobachtet die Außenwelt durch ein Loch in der Mauer, die das kleine Grundstück in ihrem Dorf im Norden Afghanistans umgibt. Die einzigen Personen in ihrem Leben sind ihre beiden Brüder und ihr Vater – bis sie sich mit der gebürtigen Afghanin Mejgan anfreundet, die mit einem kanadischen Filmteam in das Dorf kommt. Doch die meisten Menschen im Dorf sehen die Neuankömmlinge als potenzielle Bedrohung ihrer Traditionen, Kultur und Religion. Nelofer Paziras “Act of Dishonour” zeigt, wie das Aufeinanderprallen verschiedener Wertvorstellungen eine tragische Kette von Ereignissen auslösen kann.
Mena (Marina Golbahari) soll bald verheiratet werden. Ihren Verlobten hat sie einige Male gesehen: durch das Loch in der Mauer, durch das er ihr kleine Geschenke hinterlässt. Bei einer dieser “Begegnungen” entgleitet Mena ein Lächeln, als die Blicke der beiden sich treffen. Mit diesem Lächeln verstößt sie gegen die strengen Regeln. Die Szene ist eine von vielen in diesem Film, in denen Konventionen ohne böse Absicht durchbrochen werden. In denen die gesellschaftlichen Forderungen und Zwänge deutlich werden, denen Mena ausgesetzt ist.
Mejgan, die gebürtige Afghanin im kanadischen Filmteam – gespielt von Nelofer Paziras selbst -, kann Mena dazu überreden, eine kleine Rolle im Film zu übernehmen. Als Gegenleistung verspricht sie ihr eine Burka, ein traditionelles Kleidungsstück, das nur während der Hochzeitsnacht von der Braut getragen wird. Mena sagt zu und bricht damit wiederum Konventionen. Mit ihrer Zusage verstößt Mena gleich gegen mehrere Regeln ihrer Gesellschaft: Sie verlässt nicht nur das Haus, sondern trägt während des Filmdrehs eine Burka in der Öffentlichkeit. Als Mena von ihren Brüdern und einigen anderen Einwohnern beim Dreh der Szene gesehen wird, will sie nach Hause zurückkehren. Doch ihr Ungehorsam hat sich bereits im Dorf herumgesprochen.
Die Folge: Ihre Ehre, die in den Augen der Dörfler besudelt worden ist, muss wiederhergestellt werden. So werden nicht nur Menas eigener Vater, sondern auch ihr Verlobter genötigt, die Schuld zu begleichen – durch Blut. Der junge Mann, dem Mena zur Ehe versprochen worden ist, befolgt die strenge Tradition seiner Familie, die viel Wert auf Ehre legt, bereits seit frühester Kindheit. Vor allem die Szenen, in denen Mena und ihr Verlobter sich miteinander konfrontiert sehen, gehören zu den elementarsten und spannendsten des Films.
Die Regisseurin Nelofer Pazira, die wie ihre Filmfigur Meijgan afghanischer Herkunft ist und in Kanada lebt, stellt in ihrem ersten Spielfilm nicht den politischen Konflikt in Afghanistan in den Vordergrund, sondern zwischenmenschliche Konflikte aufgrund strenger religiöser und gesellschaftlicher Konventionen. Pazira entwirft Szenarien, in denen die Akteure sich nicht für ein klares Gut oder Schlecht, sondern das kleinere von zwei Übeln entscheiden müssen. Viele der Figuren scheinen innerlich zerrissen zwischen der Sicherheit der bekannten Lebensweise und der Ahnung, dass diese Sicherheit auch ein Gefängnis für eigene Wünsche darstellt. Ein Konflikt, dem im Film Verfechter beider Seiten zu erliegen drohen.
Durch die sparsame Nutzung von Filmmusik wirkt der Film fast dokumentarisch. Auch wenn die Handlungen der Akteure einem Drehbuch entspringen, ist das Thema des Filmes doch fern von jeder Fiktion. Eine der Hauptfragen, um die es in dem Film geht, ist: “Was tun?” – und entspricht damit dem Motto des diesjährigen Internationalen Frauenfilmfestivals. Schaut man den Film, sieht man sich mit dieser Frage ebenso konfrontiert wie die Protagonisten selbst. “Act of Dishonour” liefert keine klaren Antworten – wie könnte er auch? Aber er motiviert 92 Minuten lang, die richtigen Fragen zu stellen.
Act of Dishonour läuft am Samstag, 16.4.2011, um 20:30 Uhr im Roxy Kino.
Jan Philipp Orth
Der Beitrag wurde am Samstag, den 2. April 2011 um 23:45 Uhr veröffentlicht und wurde unter Filme abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.
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