Frauen vor Stadtlandschaft – Zur IFFF-Filmreihe „Urbane Landschaften“
Häusermeere, Straßenschluchten, Betonwüsten – Begriffe wie diese stehen für die Unwirtlichkeit vieler Städte und spiegeln zugleich den Wunsch, eine Synthese von Stadt und Natur zu verwirklichen. Auf vielfältige Weise versuchen Menschen, eine neue Qualität öffentlichen Raums herzustellen, ihr Wohn- und Lebensumfeld zu bewahren und zu gestalten: vom Guerilla-Gardening bis hin zum Widerstand gegen die Räumung von Wohnraum. In der Reihe „Urbane Landschaften“ zeigt das IFFF Dortmund|Köln Filme von Frauen über städtebauliche Utopien und über Menschen, die versuchen, der Stadtplanung von oben ihren eigenen „Stadt-Plan“ entgegen zu setzen.
Städte – Lebensräume der Zukunft
In Städten lebt schon heute weltweit mehr als die Hälfte der Menschen. Bis 2050 sollen es etwa 80 Prozent sein – in Nordrhein-Westfalen ist dies heute schon Realität. Einst Bastion gegen Gefahr von Außen, können Städte heute leicht zur Falle für ihre Bewohner werden. Ein Blick nach Tokio mit seiner Bevölkerung von 35 Millionen Menschen hat dies in den vergangenen Wochen erschreckend deutlich gemacht. Mega-Städte gelten aber nicht erst seit dem atomaren GAU von Fukushima als leicht verwundbar: Naturkatastrophen, Industrieunfälle oder terroristische Angriffe sind Risiken für Bewohner, Werte und Infrastruktur.
Dennoch: Dezentrale Siedlungsstrukturen wären langfristig, so Experten, nicht nur wegen des damit verbundenen Flächenverbrauchs ökologisch nicht vertretbar. Wo Millionen von Menschen täglich zwischen Wohnung und Arbeitsplatz pendeln müssen, wird auch enorm viel Energie verbraucht und Treibhausgas produziert. Eine stärkere Integration von Wohn- und Arbeitsplätzen in Stadtquartieren ist deshalb wesentlicher Bestandteil nachhaltiger Stadtkonzepte.
Ungleiche Schwestern: Wachsende und schrumpfende deutsche Städte
Während in Teilen dieser Welt durch eine rasant wachsende Bevölkerung immer mehr Mega-Städte entstehen, schrumpfen in Deutschland viele Städte. Gründe sind Geburtenrückgang, Sterben von Industriezweigen und Abwanderung vor allem junger Menschen in Städte, die ihnen berufliche Perspektiven und kulturelle Attraktivität bieten. Für Städte im Ruhrgebiet sagt das Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung bis 2030 einen Bevölkerungsrückgang um mehr als 15 Prozent im Vergleich zu 2008 voraus. Dramatisch ist die Entwicklung bereits in einigen Städten in den neuen Bundesländern: Dessau beispielsweise hat seit der Wende etwa ein Viertel seiner Bevölkerung verloren.
Andere deutsche Städte wachsen hingegen, etwa Berlin. Hier steigt die Nachfrage nach Wohnraum, besonders in zentralen Lagen. Die soziale Umstrukturierung gilt hier als Sorgenkind. Viertel, Veedel, Kiez – wie auch immer Bewohner „ihren“ Stadtteil nennen – werden saniert und als Wohnquartier attraktiver. Upgrading von Stadtvierteln nennt man das. Diese Aufwertung geht oft einher mit Segregation, also der Entmischung ihrer Bevölkerung. Segregation bedeutet, dass sich bestimmte Bevölkerungsgruppen auf bestimmte Stadtgebiete konzentrieren: Akademikerfamilien hier, Arbeiterfamilien dort, hier Doppelverdiener, dort Hartz-IV-Empfänger.
Gentrifizierung: Wohnst du noch oder räumst du schon?
Viele Alt-Bewohner aufgewerteter Stadteile können sich die teureren Mieten nicht mehr leisten und ziehen an die Peripherie oder in die Vorstädte. Alternative Lebens- und Wohnformen und Subkulturen verschwinden zunehmend aus den Innenstädten. Im Monopoly des 21. Jahrhunderts ersetzt häufig die Schlossallee die Badstraße. Was als kosmetische Sanierungsmaßnahme beginnt, endet nicht selten mit dem Gesichtsverlust ganzer Viertel. Das geschieht in Ost wie West, meist dort, wo einkommensstarke Haushalte vermehrt Wohnraum nachfragen und Investoren fette Renditen wittern. Gentrifizierung, Stadtteilveredelung, ist der Fachbegriff für diesen Prozess wachsender Dominanz einkommensstarker Haushalte in attraktiven Stadtquartieren. Paradebeispiel ist der Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Inzwischen rückt Berlin-Friedrichshain ins Visier von Investoren – und in die Schlagzeilen, wenn ein Großaufgebot von Polizisten eines der letzten besetzten Häuser räumt.
Stadt-Ansichten von Frauen
Was tun gegen den Ausverkauf städtischen Lebensraums? Ein wichtiger Schritt besteht darin, Anschauung zu vermitteln, beispielsweise in Dokumentarfilmen: Anschauung davon, wie städtische Erneuerungsmaßnahmen das Gesicht einer Stadt verändern können und was dies für die betroffenen Menschen bedeutet. Aber auch Anschauung von Handlungsspielräumen, die genutzt werden können, um eine Aufwertung von Stadtteilen nicht zur Verdrängung ihrer Bewohner führen zu lassen. Das Internationale Frauenfilmfestival Dortmund|Köln zeigt solche Filme in der Reihe „Urbane Landschaften“. Von Ausverkauf und Zerstörung des Brooklyner Stadtteils Williamsburgh erzählt Diane Nerwens Dokumentarfilm Open House, von Widerstand durch Hausbesetzung Pennyless Decadence von Julia Keller und Katharina Pethke sowie Rosemarie Blanks Job en de Hollandse Vrijstaat.
Einen anderen Aspekt von Stadtentwicklung, nämlich städtebauliche Utopien, thematisieren die Dokumentarfilme Manchmal möchte man fliegen von Gitta Nickel und Sofia Tzavellas Hotel Rai. Beide Filme zeigen in eindrucksvollen Bildern, wie sozialistische Träume vom Schöner Wohnen entstehen und scheitern: Nickels am Beispiel des Baus einer gigantischen Plattenbausiedlung in Berlin-Marzahn Anfang der 80er-Jahre, Tzavella vor der Kulisse eines Roma-Wohnblocks in Bulgarien.
Städte neu erfinden
Während es noch in den 80er-Jahren in vielen deutschen Städten in Ost und West schlicht darum ging, möglichst massenhaft komfortablen Wohnraum zu erstellen, stehen moderne Stadtkonzepte heute unter dem Leitthema Nachhaltigkeit. Die Stadt muss sich neu erfinden – das gilt für schrumpfende ebenso wie für wachsende Städte. Funktionalistischer Städtebau mit einer Trennung von Wohn- und Arbeitsquartieren ist passé, weil er nicht nur unökologisch ist, sondern auch zu toten Innenstädten geführt hat. Zukunftsfähig sind Stadtquartiere, die Wohnraum, Läden und Büros in kurzer Distanz bieten und somit lange und energiefressende An- und Abfahrtswege der Menschen entbehrlich machen. Zukunftsfähig sind der Ausbau öffentlicher Verkehrssysteme und Gebäudebewirtschaftung mit erneuerbaren Energien – in Industrienationen produzieren Gebäude derzeit 40 Prozent der Treibhausgas-Emissionen.
Stadtkonzepte von und für Frauen
In der Entwicklung zukunftsfähiger Stadtkonzepte rücken Frauen inzwischen zunehmend in den Blickpunkt – nicht nur weil die demografische Entwicklung zu einem hohen Frauenanteil in älteren Jahrgängen führen wird. Grund hierfür ist auch, dass der Arbeitsmarkt der Zukunft mehr denn je auf qualifizierte Frauen angewiesen sein wird. Für diese Frauen müssen in Städten infrastrukturelle Rahmenbedingungen geschaffen werden, die ihnen ein Nebeneinander von Arbeit und Familie erleichtern: von kurzen Wegen zwischen Wohn- und Arbeitsplatz, einem gut ausgebauten Netz öffentlichen Personennahverkehrs bis hin zu attraktiven Betreuungs- und Bildungsangeboten für Kinder.
Gefragt sind sensible, kreative und integrative Stadt- und Wohnkonzepte. Oder wie Klaus Töpfer, ehemaliger Exekutivdirektor des United Nations Environment Program, es einmal formulierte: “Für mich sind die Städte gegenwärtig viel zu sehr aus der männlichen Perspektive, zu maskulin entwickelt. Wir brauchen viel mehr aus der Perspektive von Frauen entwickelte Stadtstrukturen. Deswegen brauchen wir auch mehr Frauen in der Stadtplanung.” Nur zu! Utopia ist schließlich weiblich.
Birgit Pieplow
Bild: Bildpixel / www.pixelio.de
Open House und Hotel Rai: Freitag, 15.4.2011, 18 Uhr, Kino im U
Manchmal möchte man fliegen: Sonntag, 17.4.2011, 16 Uhr, Schauburg 1
Job en de Hollandse Vrijstaat und Pennyless Decadence: Sonntag, 17.4.2011, 16.30 Uhr, Schauburg 2
Quellen:
Ralf Fücks: Der Moloch Stadt erfindet sich neu.
Der Beitrag wurde am Mittwoch, den 6. April 2011 um 23:03 Uhr veröffentlicht und wurde unter Filme, WAS TUN? abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.
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Am 26. April 2011 um 11:03 Uhr
Gibt es eigentlich einen Preis dafür, solche Texte zu verfassen
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