Eine Zusammenarbeit von Studierenden der
Fachhochschule Köln und der Technischen Universität Dortmund
bild
 
 


Die Alptraum-Fabrik: Melissa Silverstein im Vortrag

Ein Festival ist in vielen Belangen wie eine Messe oder Convention. Während es die Massen zu Vorführungen, Workshops und Podiumsdiskussionen zieht, diskutieren die Profis hinter den Kulissen über das Business. So lud in diesem Jahr unter anderem Jury-Mitglied Melissa Silverstein, unter dem Co-Hosting der „Women in Film and Television“-Organisation, zu einem Vortrag und anschließender Diskussion. Das Thema dabei, wie sollte es anders sein, Frauen und Film. Außerdem stand sie in einem Video-Interview Rede und Antwort zu ihrer Arbeit als Bloggerin.

Bereits zu Beginn des Vortrags macht Silverstein klar: sie ist „pissed off“. Ihr Blog ist ihr Sprachrohr und einzigartig in der Filmbranche, sie schreibt erfolgreich über Hollywood aus einer feministischen „Outsider“-Perspektive. Denn sie ist keine Filmschaffende. Sie hat lange Jahre Erfahrung als Aktivistin und politische und soziale Expertin für Frauenthemen. Zwar setzte sie in der Vergangenheit ihr Wissen auch in der Filmbranche ein (unter anderem für die Marketingkampagne des Films „The Hours“; außerdem initiierte sie das Athena-Festival), aber seit dem Erfolg ihres Blogs übt sie vor allem die öffentliche, journalistische Manöverkritik von links. „Wenn nicht jemand böse auf dich ist, machst du etwas falsch“, sagt sie.

Mit ihrem Blog hat sie ein neues Medium für ein Problem gefunden, mit dem sie sich schon ihr ganzes Leben beschäftigt. Aus Erfahrungsberichten, Rezensionen und Statistiken weiß sie: Sexismus wird in Hollywood totgeschwiegen, und „Du fühlst ihn nicht, bis er dich betrifft“. Seit 1988 arbeiten in wichtigen Positionen auch Frauen, auch wenn Silverstein die prinzipiell gute Nachricht mit einem lakonischen „alle allerdings ziemlich weiß“ relativiert. Viele sind es allerdings nicht und das hat einen einfachen Grund. „Früher machten die Studios Filme, heute machen sie Geld“, sagt sie. Und dieser Ökonomie fällt jede Gleichberechtigung zum Opfer. Der unabhängigen MPAA (Moving Picture Association of America) steht ein Mann vor, der von Filmen nichts versteht. Im Übrigen beschäftigt sich die Vereinigung nur noch mit dem Problem der Piraterie. Die Diskriminierung, so Silverstein, hört nur da auf, wo Frauen in Chefpositionen sind und das ist nur in einem der sechs großen Hollywood-Studios der Fall. Prinzipiell, sagt sie, gibt es drei Probleme, die alle mit einem sehr männlichen Blick auf das Business zusammenhängen.

Problem Eins: Frauen können bei Filmen mit großem Budget nicht Regie führen

Eigentlich liegt der Diskriminierung eine klare Kausalität zu Grunde: Frauen sind erheblich toleranter. Sie verpflichten gleichberechtigt Männer und Frauen für anstehende Produktionen. Es gibt nur eben zu wenige in Führungspositionen. So hat sich im männergemachten Hollywood die “Keine-Blockbusterprojekte-für-Frauen-Regel” etabliert und die Statistiken zeigen: sie ist fast unumstößlich. Aber nicht nur Regie führen sollten Frauen scheinbar nicht. Im Schnitt sind in den letzten Jahren unter 10 Prozent der Regisseure weiblich gewesen, weit unter 15 Prozent schrieben Drehbücher, (immerhin) bis zu 25 Prozent waren als Produzentinnen tätig und im kaum fühlbaren Bereich unterhalb der 5 Prozent-Grenze bewegte sich der Anteil der Licht- und Kamerafrauen.

Problem Zwei: Frauen gehen nicht ins Kino

Auch im Bezug auf das Anschauen von Filmen sind Frauen erheblich toleranter: sie sehen viele Filme, die die Filmbranche für Männer konzipiert. Und die Filmbranche konzipiert überwiegend Filme für Männer. Warum? Die Antwort klingt fast wie ein Scherz: nach Ansicht der Filmindustrie gehen Frauen nicht ins Kino und sind deshalb kein Markt. Statistiken über weibliche Zuschauerquoten beweisen das Gegenteil, die Annahme steht außerdem der gängigen Marktvorstellung konträr gegenüber, dass Frauen 85% der Kaufentscheidungen treffen. Es ist keine Polemik, wenn man anmerkt, dass beides seit Jahrzehnten gekonnt ignoriert wird. Erst seit dem Erfolg von „Sex & the City“ und den „Twilight“-Filmen beginnt diese in Stein gemeißelte Vorstellung etwas aufzuweichen. Noch nicht ganz verdaut ist die Erkenntnis, dass für Männer konzipierte Filme ohne das (statistische mindestens zur Hälfte) weibliche Publikum nicht funktionieren, während für Frauen konzipierte Filme wie „Sex & the City“ auch ohne nennenswerten Männeranteil im Publikum zu Kassenschlagern werden.

Problem Drei: Geschichten über Frauen sind weniger interessant

Frauen können sich offensichtlich in Männer hineinversetzen, Männer in Frauen nicht. Selbst wenn unter den erfolgreichsten Filmen des Jahres 2010 drei Filme mit Protagonistinnen platziert sind – darunter sogar Platz zwei für „Alice in Wonderland“, sind erfolgreiche Filme über Frauen „flukes“, also Glückstreffer. Diese Annahme lässt sich banal herleiten: Da (nun ja erwiesenermaßen!) keine Frauen ins Kino gehen und angenommen wird, dass Männer keine Filme über Frauen sehen möchten, müssen die Erfolge des „flukes“ in der Hollywood-Logik auf reinem Zufall basieren. Immerhin hier ist den deprimierenden Erkenntnissen aber eine Grenze gesetzt. Die Diskussion im Anschluss an den Vortrag macht deutlich, dass es in dieser Frage doch spürbare landesspezifische Unterschiede gibt. Außerdem gibt es eine Einschränkung: „you add more action, you get more men“ – ob Geschichten über Frauen erfolgreich sind, ist heute also auch eine Genrefrage.

Im Anschluss an den Vortrag stand Melissa Silverstein uns für ein kurzes Video-Interview (in Englisch) zur Verfügung, in dem sie ihre Arbeit und die wichtigsten Probleme in Hollywood beschreibt. Außerdem erzählt sie, was sie vom Filmfestival hält und warum sie Dortmund mag:

Laura Niebling

Info:
womenandhollywood.com

Der Beitrag wurde am Sonntag, den 17. April 2011 um 17:33 Uhr veröffentlicht und wurde unter Inside Festival, Porträts abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

Eine Reaktion zu “Die Alptraum-Fabrik: Melissa Silverstein im Vortrag”

  1. Natascha

    Tolles Video, vielen Dank dafür!