Ruth Bieri, ein Stummfilm und wie man ihn musikalisch begleitet
Ruth Bieri, Komponistin und Pianistin aus Zürich, war am vergangenen Samstag für das Frauenfilmfestival im sweetSixteen in Dortmund und begleitete den Stummfilm „The Patsy“ auf dem Klavier. Wie ist Ruth Bieri zum Stummfilm gekommen, was ist für sie das Besondere an der improvisierten Stummfilmbegleitung – und wie begegnen sich Ruth Bieri und Patsy, die verliebte junge Frau?
Im Raum sind ungefähr 120 Sitzplätze eingerichtet. Vorne eine Leinwand, seitlich davon ein roter und ein blauer Scheinwerfer, die ein buntes „X“ auf die Projektionsfläche werfen. Die hochgelegene Decke des Raumes erinnert an die eines Gewächshauses. Zwischen den Stühlen der ersten Reihe und der Leinwand befindet sich bis auf ein Klavier nur freier Raum. Jetzt soll die Vorführung beginnen. Ruth Bieri steht von ihrem Stuhl in der ersten Reihe auf und setzt sich an das ungefähr zwei Meter entfernt stehende Klavier. Die beiden bunten Scheinwerfer erlöschen, und über den Zuschauern wird die Verbindung zum Himmel durch automatische Rollläden gekappt. Im Halbdunkel sitzt Ruth Bieri, die rechte Hand auf dem Knie, die linke auf der Klaviatur, und fixiert die Leinwand.
Heute spielt sie zu King Vidors „The Patsy“, einem Stummfilm von 1928 mit Marion Davies in der Hauptrolle. Dabei geht es um das Mädchen Patsy, das in den jungen Mann Tony verliebt ist. Der hat jedoch nur Augen für Patsys Schwester. Mit dem typischen Stummfilm-Charme wird erzählt, wie Patsy alles in ihrer Macht stehende versucht, Tony für sich zu gewinnen. Der Film fängt an, und Ton und Bild begegnen sich das erste Mal. Je mehr Energie die Bildern übermitteln, desto kraftvoller und turbulenter wird die musikalische Untermalung. So flitzen Ruth Bieris Finger ebenso schnell über die Tasten wie eine gestresste Patsy, die sich für ein auswärtiges Abendessen schickmacht – nur geschickter.
Ruth Bieri ist eine Komponistin und Pianistin aus Zürich. Sie spielt Klavier, seitdem sie zehn Jahre alt ist. Nach ihrem Abitur hat sie klassische Musik studiert. Bereits 1982 spielte sie in der schweizer Band „The Notfalls“. Stummfilme begleitet sie seit dem Ende der achtziger Jahre. „Das war ’89, glaube ich. Da ist jemand auf mich zugekommen und hat mich gefragt, ob ich das machen will. Da war es aber noch mit Vorlage eines Grundthemas.“ Aha, „vollständig“ improvisiert, so wie heute, wurde also noch nicht. Und außerdem, eineinhalb Stunden am Stück zu improvisieren, muss ganz schön schwierig sein. Wie schafft man das? „Meistens habe ich den Blick auf dem Film. Ich schaue auch, dass ich nicht zu schwere Sachen spiele. Ich versuche auf einem Niveau zu spielen, auf dem ich mich sicher fühle, sodass ich nicht zu oft nach unten schauen muss.“ Dabei hat man, je erfahrener man ist, auch ein gewisses Grundrepertoire, aber Ruth Bieri spielt auch Sachen, die sie noch nie vorher gespielt hat. „Wichtig ist auch, ob man eher die konservatien Akkorde spielt, oder eher flächig. Da kann man sich nicht mitten im Film umentscheiden.“ Das merkt man auch beim Zuhören – und Zuschauen. Ob Ruth Bieri einen Streit instrumentell mit nur wenigen, leisen Tönen kommentiert, oder während eines Streits stürmisch in die Tasten haut, sie fällt nie aus dem musikalischen Grundthema heraus, das sie zum Filmbeginn gewählt hat. Und was ist das Besondere am Improvisieren? Ruth Bieri sagt: „Ich hatte während meines Studiums noch keinen Ton ohne Noten gespielt.“ Doch es drängte sie danach. „Für mich bedeutet Improvisieren die direkteste Form von Musik. Das Unmittelbare.“
Ruth Bieri arbeitet zurzeit an zwei Bandprojekten: „Sistars“ und „roses on the roof“. Sie leitet Workshops, komponiert Musik zu Filmen und unterrichtet Klavier. Beim Frauenfilmfestival ist sie dieses Jahr keineswegs das erste Mal, sie gilt eher schon als Stammgast. Und das bleibt hoffentlich auch so!
Zur Homepage von Ruth Bieri: www.ruthbieri.ch
Philipp Orth
Der Beitrag wurde am Montag, den 18. April 2011 um 18:27 Uhr veröffentlicht und wurde unter Filme, Porträts abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.
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