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„Die Arbeit von Frauen ist keine Nische!“

IFFF 2016_A los ojosDas Internationale Frauenfilmfestival Dortmund|Köln steht in den Startlöchern. Die Künstlerische Leiterin Silke Johanna Räbiger und Sonja Hofmann, als Kuratorin verantwortlich für den Themen-Schwerpunkt Mexiko, sprechen vorab über Frauen im Filmbusiness, über den Erhalt des weiblichen Filmerbes und das Festival als Netzwerk – und sie verraten, auf welchen Film sie sich besonders freuen.

Heute ist der Internationale Frauentag und das zum 105. Mal. Wie würden Sie vor diesem Hintergrund im Jahr 2016 die Stellung der Frau in der internationalen Filmbranche bewerten?

Hofmann: Es gibt noch viel zu tun.

Räbiger: Es gibt noch viel zu tun, in der Tat. So lange es den Internationalen Frauentag gibt, so lange gibt es auch schon Film: 1896 wurde der erste Film gedreht. Der erste Spielfilm wurde übrigens von einer Französin gemacht, Alice Guy-Blaché, die dann später in Hollywood die Solax-Filmproduktion gegründet und viele Filme gedreht hat. Die Situation von Filmemacherinnen hat sich in den letzten 30 Jahren jedoch nicht besonders positiv verändert. In der Regie liegt der Frauenanteil etwa bei 20 Prozent, bei den Bildgestaltern etwa bei 9 Prozent und bei Filmmusikern bei maximal 1 Prozent, wenn überhaupt. Da ist in der Tat noch ein ziemlicher Handlungsbedarf.

Hofmann: Wenn man die Filmindustrie aus einer weitläufigeren geschichtlichen Perspektive heraus betrachtet, hat sich natürlich schon etwas getan.

Räbiger: Allerdings gab es gerade zu Beginn der Filmindustrie in Hollywood etliche Regisseurinnen. Viel mehr als dann in den 40er und 50er Jahren.

Im vergangenen Festivaljahr haben Sie erklärt, es sei „sowohl eine Struktur- als auch eine Bewusstseinsfrage, wie Filme von Frauen zu einer festen Instanz in der Branche werden können“. Hat die Diskussion inzwischen an Aktualität eingebüßt?

Räbiger: Nein, das nicht. Aber gerade in Deutschland ist sicherlich ein neuer Drive entstanden, da sich nun auch die Fernsehanstalten stärker mit der Frage nach Frauen im Filmgeschäft auseinandersetzen. Das ist es, was ich hinsichtlich des Bewusstseins gemeint habe: Es ist wichtig, dass Redakteure und Redakteurinnen ein Augenmerk darauf haben, ob Frauen Filme gemacht haben und dass diese in die Überlegungen der Fernsehmacher miteinbezogen werden. Ein weiteres Thema ist die Teilnahme von Frauen an Wettbewerben. In den meisten Auswahlkommissionen gibt es kein wirkliches Bewusstsein dafür, Filme von Frauen miteinzubeziehen.

Bei den Oscars beispielsweise war auch in diesem Jahr keine einzige Frau in den Kategorien Regie/Produktion nominiert. In Cannes gab es gerade mal den Workshop „Girls just wanna have Film!“

Räbiger: Das war tatsächlich eine Debatte in Cannes, die wir auf der Berlinale anregen konnten. Eine Vertreterin des IFFF war dabei, der Rest wurde von den französischen Kolleginnen initiiert.

Hat denn das IFFF Ihrem Eindruck nach zu mehr Freiheit und Akzeptanz für Regisseurinnen geführt?

Räbiger: Das kann man so nicht sagen und auch nicht wissen. Das Hauptanliegen des Festivals ist, die Arbeit der Frauen sichtbar zu machen. Und ich glaube, das ist etwas, was wir jedes Jahr auf dem Festival unter Beweis stellen. Im Debütspielfilmwettbewerb haben wir die 8 Wettbewerbsfilme aus insgesamt 120 eingereichten Filmen ausgewählt. Das zeigt, dass eine unglaubliche Breite an Filmen vorhanden ist. Es ist einfach nicht so, dass es Filme von Frauen nicht gibt! Die Arbeit von Frauen ist keine Nische! Das stimmt einfach nicht. Man muss hingucken, man muss die Filme sehen wollen und den Mut haben, diese Filme zu zeigen. Das ist etwas ganz Entscheidendes.

Hofmann: Das Festival ist auch ein Austausch, ein Treffpunkt und ein Netzwerk. Es haben sich hier schon einige gefunden, die hinterher zusammen gearbeitet haben, beispielsweise aus dem Kamerabereich. Es findet eine Vernetzung statt, die über die Grenzen des Festivals hinausreicht.

Auf der Berlinale fand in diesem Jahr eine Veranstaltung des IFFF unter dem Titel „No Future without a Past – save your place in film history“ statt. Warum ist der Erhalt von Filmvergangenheit so wichtig?

Räbiger: Das ist wie mit unserer politischen Geschichte. Ich kann doch nicht Politik machen bzw. ich kann hier in Deutschland die Situation nicht einschätzen, wenn ich nichts über den ersten Weltkrieg weiß oder den Faschismus weiß. Das ist unsere ureigene Geschichte. Und wenn wir heute nach wie vor den Internationalen Frauentag begehen, dann müssen wir auch wissen, woher dieser Tag kommt und dass zum Beispiel die Einführung des Wahlrechts für Frauen noch gar nicht so lange zurückliegt. Dinge, die heute eine völlige Selbstverständlichkeit sind, sind es nicht immer gewesen. Und es ist ja auch längst nicht überall selbstverständlich, dass Frauen Rechte haben. Für Filmemacher, aber auch Filmkonsumenten ergibt sich daraus, dass wir die Geschichte und eben auch die Filmgeschichte kennen müssen. Jeder Filmstudent sollte die Filmgeschichte und die Stummfilmgeschichte kennen. Man muss seine Vergangenheit, seine künstlerische Vergangenheit kennen, um etwas Neues zu schaffen. Das ist unser Fundament. Das prägt unser Bewusstsein.

Wurde die Archivierung und Dokumentation von weiblichem Filmerbe bisher vernachlässigt?

Räbiger: Ja, absolut. Die Digitalisierung und Archivierung von Frauenfilmen und der Erhalt dieser Filmgeschichte ist bisher zu kurz gekommen. Viele Filme sind kaum gesehen worden und wenn diese nicht bewahrt und digitalisiert werden, dann verschwinden sie ein zweites Mal. Das darf nicht passieren! Das war eines unserer Hauptanliegen: Dass die Filme von Frauen auch tatsächlich der Nachwelt erhalten bleiben. Und zwar nicht nur irgendwo im Regal oder im Kühlschrank rumliegen, damit sie durchhalten, sondern dass sie ein Publikum finden.

Hofmann: Und in den Filmschulen als Lehrmaterialien dienen. Wie historische Filme von Männern auch.

Räbiger: Als Beispiel lässt sich „Der Aufbruch der Autorin“ nennen. Wenn man sich diese Filme anschaut, die sind so radikal, die sind so anders, die sind so witzig und anarchisch. Da kann sich so manch ein Filmemacher von heute wirklich eine Scheibe von abschneiden, egal, ob Mann oder Frau. Ein weiteres Thema ist der bisherige Umgang mit dem Experimentalfilm, also dem künstlerischen Film, der jetzt nach und nach Eingang in die Museen gefunden hat. Die Frage bei Experimentalfilm ist: Wie wird er bewahrt? Welches Material wird bewahrt, welches Video wird genutzt usw.? Wichtig ist aber vor allem, dass überhaupt bewahrt wird.

Themenschwerpunktland ist in diesem Jahr Mexiko. Treffen Ihre Beobachtungen zur Lage von Frauen im Filmgeschäft auch auf die mexikanische Filmbranche zu?

Hofmann: In fast allen Ländern Lateinamerikas waren Frauen zunächst nur als Schauspielerinnen im Filmbereich aktiv. Oder sie waren im Hintergrund beschäftigt; in seltenen Fällen als Produzentin, nicht aber als Regisseurin. In den 60ern gab es eine kleine Bewegung in der lateinamerikanischen Filmbranche, da waren es noch ganz wenige Regisseurinnen. In den 90ern gab es dann eine größere Bewegung, die unter anderem im Wachstum der Filmschulen begründet ist. In Argentinien gibt es z.B. die meisten Filmstudierenden weltweit. Die Filmschulen haben viel vorangetrieben. Es gibt jetzt also viele Regisseurinnen. Es gibt aber auch immer noch das Problem, dass diese gerade in dem Rahmen, der ein hohes Budget erfordert, also vor allem im Spielfilmbereich, maximal ihren Debütfilm schaffen. Danach kommen sie oft nicht weiter. Die Situation der mexikanischen Filmemacherinnen ist also durchaus vergleichbar zu der deutscher Regisseurinnen: Frauen werden oft mehr Steine in den Weg gelegt. Sie verdienen weniger als Männer oder bekommen schlicht weniger Aufträge. Für viele Regisseurinnen gestaltet sich eine Karriere in der Spielfilmbranche schwierig. Es gibt aber auch Ausnahmen. Man muss abwarten, wie sich die Branche weiterentwickelt.

Was, glauben Sie, macht Mexiko hinsichtlich dieser Diskussion – „Frau im Filmgeschäft“ – zu einem interessanten Schwerpunktland?

Hofmann: Das mexikanische Filminstitut, mit dem wir zusammenarbeiten, fördert sehr viel und ist sehr gut vernetzt. Da fällt eine Aussage über Gleichberechtigung der Geschlechter schwer. Erstaunlich ist eher, dass wir durch die Filmauswahl ein Negativbild vom Land zeichnen. Die Filme wurden mir jedoch vom mexikanischen Filminstitut empfohlen. Das Institut steht hinter den Regisseurinnen und lässt Kritik zu. Die Gewalt, die in den Filmen herrscht, ist derzeit Realität in Mexiko.

Auf welche Filmvorführung freuen Sie sich in diesem Jahr ganz besonders?

Hofmann: Ich freue mich natürlich auf meine mexikanischen Gäste und bin gespannt auf den Mexikofokus. „Tempestad“ ist harter Stoff und ich hoffe, dass es im Anschluss gute Gespräche geben wird.

Räbiger: Natürlich ist mir jeder Film gleich lieb. Aber ein Film liegt mir doch besonders am Herzen. Die französische Dokumentation „Die Geträumten“, die dieses Jahr auf der Berlinale lief. Aber auch die Dokumentation „Regarding Susan Sontag“ hat mich tief beeindruckt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Johanna Dürrholz



Der Beitrag wurde am Mittwoch, den 16. März 2016 um 12:47 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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