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„Was ein queerer Film ist, fragen wir uns eigentlich jedes Jahr wieder“

queer„Queer“ war früher in den USA ein Schimpfwort, wird heutzutage aber von und für Menschen genutzt, die über Normen einer Mehrheits­gesellschaft marginalisiert werden. Auch im Film setzen sich viele RegisseurInnen mit Geschichten abseits der hetero-normativen Gesellschaft auseinander. Natascha Frankenberg ist beim IFFF für die queere Film-Sektion „begehrt!“ verantwortlich. Wir haben uns von ihr den Begriff „queer“ erklären lassen und über dessen Bedeutung in der Filmbranche gesprochen. Außerdem hat sie uns verraten, worauf sie sich beim Festival besonders freut.

IFFF-Blog: Viele können mit dem Begriff „queer“ sicher nichts anfangen. Was bedeutet „queer“ überhaupt?
Natascha Frankenberg: Das ist gar nicht so leicht zu erklären. Wir probieren das auch jedes Jahr wieder selbst herauszufinden. Auf der einen Seite gibt es queer als eine Art Sammelbegriff für alle, die irgendwie aus der hetero-normativen Matrix rausfallen: Lesben, Schwule, Transleute, Intersexpersonen und eine Menge andere. Eigentlich ist queer ein Schimpfwort in den USA gewesen und dann aufgegriffen worden als eine Selbstbezeichnung. Also wurde es sozusagen als Strategie genutzt, der Verletzung, die mit dem Wort verbunden war, entgegenzutreten, indem man es für sich selbst benutzt und sich dadurch dagegen wehrt. Eigentlich geht es darum, damit eben keine Identitätsbeschreibung zu liefern oder sich überhaupt gegen Identitätsbezeichnungen und -kategorien zu wenden. Damit ist quer eher ein kritischer Begriff, einer, der stören soll. Ein Begriff, der sichtbar machen soll, wie einschränkend Normen sind, ohne aber etwas festzulegen. Den Begriff queer muss man offen lassen. Sobald man probiert, queer zu definieren, hat man schon verloren, weil es gerade ein Begriff ist, der sich gegen solche Festlegungen und Kategorien wendet.

Und was genau zeichnet dann einen queeren Film aus?
Ich kann eigentlich gar nicht sagen, was ein queerer Film ist. Es geht um bestimmte Vorstellungen von Geschlechterbeschreibungen, um Normen, um Sex, um Begehren, um nicht hetero sein. Was ein queerer Film ist, fragen wir uns eigentlich jedes Jahr wieder. Wir gucken uns die Sachen an, die eingereicht werden und schauen, was uns selber interessiert. Wir diskutieren immer wieder darüber, was gerade auf einem Frauenfilmfestival passend sein kann. Es ist ein sehr identitätspolitisches Festival, weil wir uns auf die Kategorie „Frau“ berufen und vieles an dieser Kategorie festmachen. Was kann da ein queeres Programm sein, in so einem Rahmen? Wir zeigen viele Filme, bei denen man sagen kann: Das sind Lesbenfilme, das sind Transfilme, das sind queere Filme. Uns interessiert immer: Macht das Lust, danach noch über die Filme zu sprechen? Sind die Filme in dem Sinne queer, dass sie kritisch sind? Fließen die Filme vielleicht nicht so mit dem Strom? Vielleicht ist queer auch mehr eine Frage. In Bezug auf Film: Was kann in der hetero-normativen Gesellschaft queeres Kino sein?

Wieso war es euch so wichtig, queere Filme beim IFFF dabei zu haben?
Mich persönlich interessiert das Thema, weil es etwas mit mir selber zu tun hat und es, glaube ich, auch für andere spannend ist. Ich denke, es ist für andere wichtig gewesen, weil das Queer-Genre – wie feministische Filme – Kritik an patriarchalen Strukturen ist. Queere Filme können auch eine Form von Gegen-Kino sein, wobei nicht alle Filme, die wir zeigen, Gegen-Kino sind. Wir haben auch große lesbische Liebesgeschichten dabei. Ich glaube, das ist einfach wichtig, weil Kino so viel mit Begehren zu tun hat.

Natascha-Frankenberg

Natascha Frankenberg ist seit Jahren Mitarbeiterin des IFFF und Kuratorin für die Queer-Sektion. Für sie ist queer ihre persönliche Form von Kino. Bereits während des Studiums hat sie sich unter anderem in Form ihrer Dissertation mit dem Thema auseinandergesetzt und ist damit Expertin auf dem Gebiet. Dabei hat sie selbst noch keine richtige Definition für „queer“ gefunden und ist der Meinung, die gibt es auch nicht.

„begehrt!“, so heißt auch die queere Sektion. Woher kam der Titel?
Es sollte ein positiver Aufruf sein, zu begehren, und damit haben wir das Programm auch relativ offen gelassen. Wir wollen Leute ansprechen, aber nicht sagen: So und so ist queeres Kino.

Gab es den Bereich queer von Anfang an beim IFFF?
Den gab es schon immer. Es gibt, glaube ich, im weiteren Festivalprogramm Filme, wo man sagen könnte, das ist ein queerer Film oder er hat queeres Potenzial. Wir haben das Glück, dass wir jetzt ein paar Programmplätze reserviert haben, aber in Dortmund gibt es diese Aufteilung nicht, und da sind trotzdem queere Filme im Programm. Es ist immer schön, wenn ein Film sichtbar queer ist. Wenn ich lesbisches Kino sehen will und da auch lesbisches Kino drauf steht, weiß ich, dass ich dort hingehen kann. Aber im Prinzip gehört queer zum Frauenfilmfestival dazu und ist jetzt hier im „begehrt!“-Programm als eine besondere Sparte zu finden.

Bekommt ihr vorab viele Einsendungen? Wie groß ist die Queer-Community?
Wir kriegen schon viele Filme. Es gibt ja unglaublich viele queere Filmfestivals. Fast jede Stadt hat ein eigenes, und das ist schon sehr bezeichnend. Wenn man sich die Lesbisch-Schwulen Filmtage in Hamburg anguckt, das größte queere Filmfestival in Deutschland, merkt man, dass regelmäßig viele neue Filme erscheinen.

Momentan ist das Queer-Genre in Hollywood eher eine Nische. Wäre es für dich ein Wunsch, dass queere Filme vermehrt im großen Kino landen?
Für mich ist das kein Wunsch. Mich interessiert mehr, ob Filme Störungen oder Kritik sein können. Daher bin ich ganz froh, dass es diese Festivals gibt. Für mich ist interessant, dass ich Filme sehe, aber wo ich die sehe, ist mir egal. Im großen Kino bin ich vielleicht sogar kritischer.

Glaubst du nicht, dass man dadurch Menschen, die Andersartigem gegenüber kritisch eingestellt sind, queere Themen näher bringen könnte?
Ich sehe mich nicht als Didaktin, ich möchte nicht Leute belehren oder so. Ich finde das auch wichtig, aber ich will mehr ein Filmprogramm für Leute machen, die Lust haben, queeres Kino anzugucken. Ich will die Filme Leuten zeigen, mit denen es Spaß macht, darüber zu diskutieren. Sowas wie Erziehung müssen, glaube ich, andere machen.

Sind die Macher_innen von queeren Filmen als queer zu bezeichnen, also kommen sie selbst aus der Szene?
Das ist eine interessante Frage. Wir treffen die Macher_innen beim Festival, manchmal kennt man die Leute auch, die die Filme eingereicht haben, aber wir fragen die Produzent_innen natürlich nicht nach ihrer Sexualität oder so. Es geht ja darum, Filme aus einer Community zu zeigen. Wir wollen keine Filme zeigen, die eine Perspektive einnehmen, keine ethnografischen Filme. Da ist, glaube ich, nicht so wichtig, wie die Leute sich identifizieren oder wen sie begehren. Ich denke, das merkt man einem Film auch an, ob er etwas mit den Macher_innen zu tun hat oder nicht. Es geht ja mehr darum, dass wir keine Filme zeigen wollen, wo Leute zu jemand anderem gemacht werden. Es wird schon oft so sein, dass die Macher_innen aus der Szene sind, aber im Prinzip geht es ja um einen Einblick. Natürlich interessiert mich der Film mehr, wenn er von Leuten ist, die damit etwas zu tun haben oder über sich erzählen.

Du bist ja nun auch ein paar Jahre schon beim Festival dabei. Was hast du für Erfahrungen gemacht, wie das queere Programm bei den Zuschauern ankommt und gibt es ein bestimmtes Publikum, das sich diese Filme anschaut?
Wie die Leute die Filme finden, kann man gar nicht pauschalisieren. Die Filme im Programm sind aber immer gut besucht. Die Zuschauer sind bunt gemischt. Es gibt nicht das Publikum. Im Segment sind unterschiedliche Filme und die interessieren eben unterschiedliche Leute.

Gibt es dieses Jahr einen Film, auf den du dich besonders freust?
Nein, ich freue mich auf alle Filme, weil die Filme alle unglaublich unterschiedlich sind. Wir haben eine internationale Premiere am Sonntag. Das ist der letzte Film des Festivals. Die Filmemacherin besucht mit zwei anderen Leuten von der Filmproduktion das Festival und das wird, glaube ich, aufregend. Dann kommt am Samstagnachmittag Florence Tissot und stellt „Je ne suis pas féministe, mais…“  vor. Das ist ein französischer Dokumentarfilm über die Soziologin Christine Delphy. Ich freue mich darüber, dass Vika Kirchenbauer da ist und dass ich mir angucken kann, wie andere Leute Filmprogramme zusammenstellen, die so klug und intelligent gemacht sind, dass man darüber gut diskutieren kann. Jetzt habe ich ein paar Filme nicht genannt, aber auf die freue ich mich auch.

Wer neugierig geworden ist, findet im Programmheft alle Termine zur „begehrt!“-Reihe.

 

Text: Lia Hermanns



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Der Beitrag wurde am Sonntag, den 17. April 2016 um 02:00 Uhr veröffentlicht und wurde unter Hintergrundinfo abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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