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Sibylle Berg – #SoFuckingAwesome

Wer-hat-Angst-vor-Sibylle-Berg

„Wer hat Angst vor Sibylle Berg?“ heißt die neue Dokumentation von Wiltrud Baier und Sigrun Köhler, die während des diesjährigen IFFF in Köln gezeigt wird. Am Freitagabend um 20:15 Uhr wird der Film auf der Leinwand des Filmforums zu sehen sein. Zwei Filmemacherinnen auf der Spur von Sibylle Berg. Wir haben uns auf eigene Suche begeben. Wer ist dieser Mensch, der jeden Tag aufs Neue den Windmühlen den Kampf ansagt, trotz vollen Bewusstseins des eigenen irdischen Scheiterns? Hier unser erster Eindruck von einer coolen Frau mit roter Mähne.

Wenn sie nicht selbst seit zwölf Jahren – hoffentlich einigermaßen glücklich – verheiratet wäre, könnte man ihren sich wie von selbst lesenden Büchern eine fast schon makabere Authentizität attestieren. Hoffen wir für ihren Gatten, dass es insoweit an eben solcher mangelt. Denn die 1962 in Weimar auf die Welt gepresste Frau Sibylle schreibt nicht selten mit einer so bitterbösen Ehrlichkeit, dass es selbst den krassesten Hardlinern die Arschbacken so dermaßen zusammendrückt, dass man nur ein Stück Kohle dazwischen klemmen müsste, um einen lupenreinen Diamanten zu pressen.

Mit dem ihr eigenen – ihrem Äußeren in nichts nachstehenden – markanten Schreibstil, der sich letztlich als eine Art Abführmittel der Extraklasse für profanes und konventionelles Gedankengut erweist, erlangt die gelernte Puppenspielerin und SPIEGEL-Kolumnistin schon seit Jahren deutschlandweit Ruhm, Ehre – und natürlich Geld. Nachdem sie nämlich weder das Sandmännchen noch die mächtigen Spreewaldgurken im Osten halten konnten, verschlug es die DDR-Geflüchtete schon früh von West-Berlin über das Tessin nach Hamburg, wo sie verkrustete Küchentöpfe schrubbte, Klos putzte oder Lastwagen fuhr …, bis sie irgendwann genug von der Welt gesehen hatte, um zu schreiben. Aus der Billigkraft wurde eine Schriftstellerin, Kolumnistin, Journalistin; sie schreibt Theaterstücke, Essays, unterrichtet Dramaturgie. What the fuck hat diese Frau eigentlich noch nicht gemacht? Und so fährt sie damit fort, sich Unsterblichkeit zu erwirtschaften, frei nach dem Motto: „Je mehr ich tue, desto mehr bleibe ich“. Ginge es nach ihr, würde sie nahezu alles machen, um damit am Ende die Welt doch nicht zu retten.

Aber ein bisschen was bewirkt es ja schon, möchte man meinen, wenn in ihren Theaterstücken ein Mann nach dem anderen verendet und verstörende Waldrappen schweizer-deutsche Sprechgesänge deklamieren. Die Hardcore-Feministinnen reiben sich diabolisch die Hände und ein Hauch von Sexismus schwingt durch die Luft, auch wenn der Weckruf eigentlich nur heißen soll: „Frauen dürfen genauso dämlich sein wie Männer!“ Noch beißt sie aber jeden Morgen in den Teppich vor Wut, wenn sie die ungleiche Machtverteilung und die Unverstehbarkeit der Welt realisiert. Fundamentalismus, Kapitalismus, Apfelmus. Wir wissen doch nicht, was wir tun. Und wer rafft überhaupt noch, was vor sich geht?

Mann fühlt sich ertappt – Frau übrigens auch – beim Lesen ihrer Texte. Ertappt, weil man genauso denkt; ertappt, weil man sich aber nicht traut, es auszusprechen. Auch wenn das mit der Weltrettung – hoffnungsvoll ausgedrückt – noch weit entfernt ist, scheint zumindest Bergs persönlicher Masterplan aufzugehen. Sie wohnt mittlerweile nicht nur in ihrer Wunschheimat Zürich, sondern kann sogar von ihren geistigen Ergüssen leben. Einfach stark.
Warum man sich ein Werk von Sibylle Berg zu Gemüte führen sollte? Nun ja, lassen Sie es uns so beantworten: Weil es geil ist!

 

Text: Filiz Kurtulgil

Foto: IFFF



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Der Beitrag wurde am Mittwoch, den 20. April 2016 um 14:30 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

Eine Reaktion zu “Sibylle Berg – #SoFuckingAwesome”

  1. Maximiliane Möhrig

    Habe mich bisweilen noch nicht richtig mit Sibylle Berg befasst, aber dieser Artikel regt mich richtig an! Hier fällt es einem schwer, sich das Lachen zu verkneifen! Danke Danke Danke für diesen sau coolen Artikel!