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Christine Delphy – umstrittene Feministin

Je ne suis pas feministe, mais...Kontrovers. Das ist wohl eines der treffendsten Wörter, mit denen Christine Delphy assoziiert wird. Sie gehört zu den bekanntesten Feministinnen Frankreichs. Delphy prägte die französische Frauenbewegung entscheidend mit und weiß bis heute originelle und anspruchsvolle Debatten über den Feminismus zu führen. Das Internationale Frauenfilmfestival Dortmund|Köln zeigt in diesem Jahr eine interessante Dokumentation über Delphy – ein Grund für uns, einen Blick auf ihr spannendes Leben als umstrittene Aktivistin des Feminismus zu werfen.

„Es gibt Gründe wütend zu sein, und Frauen sind noch nicht wütend genug.“

Christine Delphy betrachtete sich selbst nicht immer als radikale Feministin. Im Gegenteil: Zu Beginn ihrer politisch motivierten Karriere vermied sie es, sich den mit vielen Klischees und Stigmata behafteten Begriff anzueignen. „Je ne suis pas féministe, mais …“ („Ich bin keine Feministin, aber …“) – dieser Satz aus einem Interview in den 80er Jahren ist deshalb nicht nur titelgebend für die Dokumentation, die im Programm des Frauenfilmfestivals zu sehen ist.

Aber wie kam es dazu, dass Delphy zu einer der führenden Feministinnen Frankreichs wurde? Die Anfänge liegen wohl in ihrer Kindheit. Dass Männer und Frauen unterschiedlich behandelt wurden, im Berufs- wie im Privatleben, stellte sie bereits bei den eigenen Eltern fest: Beide waren berufstätig, ihnen gehörte eine kleine Apotheke. Beide Elternteile arbeiteten gleichermaßen viel. Doch wenn sie in der Mittagspause nach Hause kamen, legte der Vater sogleich die Füße hoch und las die Zeitung. Die Mutter hingegen war dafür zuständig, Essen zu kochen und den Abwasch zu erledigen – bevor es wieder zurück zur Arbeit in der Apotheke ging.

Delphy entschied sich später, Soziologie zu studieren; sie tat dies an den Universitäten von Chicago, Paris und der Berkeley Universität, Kalifornien. Schon bei der Suche nach einem Dissertationsprojekt stieß sie auf starke Ablehnung gegenüber Frauenthemen, denn dafür, so ließ man sie wissen, würde sich doch niemand interessieren. Zu diesem Zeitpunkt ließ sich Delphy noch umstimmen und konzentrierte sich in ihrer Arbeit auf Agrarsoziologie.

Der Weg zur Gründung des Mouvement de Libération des Femmes

Doch die Frage nach der Rolle der Frau in einer ökonomischen Gesellschaft ließ sie nicht los. Sie wurde geprägt durch ihre Erfahrungen während ihres Studiums in den USA in den 60er Jahren. Inmitten der Bürgerrechtsbewegungen („Civil Rights Movement“), konfrontiert mit Rassismus und Unterdrückung, entwickelte sie ein Bewusstsein für unterdrückte Gruppen – wie beispielsweise Frauen.

All ihre eigenen Erfahrungen, ihre Beobachtungen, ihr Blick auf die Gesellschaft und deren Umgang mit Frauen führten dazu, dass sie später zu einer Pionierin des materialistischen Feminismus in Frankreich wurde. Dieser hatte seinen Ursprung im marxistischen Feminismus, der sich für gesamtgesellschaftliche Rechte der Frau einsetzt, weil er darin eine Voraussetzung sieht, kapitalistische Systeme überhaupt erst überwinden zu können.

Der materialistische Feminismus hingegen ist stärker von der Linguistischen Wende und Postmoderne beeinflusst, die Wirksamkeit von Ideologien auf gesamtgesellschaftliche Verhältnisse wird hier untersucht. Delphy wurde, gemeinsam mit anderen bekannten Frauen wie Monique Wittig oder Paola Tabet, zur Gründerin der MLF (Mouvement de Libération des Femmes).

Doch Delphy gründete nicht nur die materialistisch-feministische Schule. Bis heute ist sie auch Herausgeberin des Magazins „Nouvelles questions féministes“ („New Feminist Issues“), das sie mit Simone de Beauvoir gegründet hat.

In der Dokumentation „Je ne suis pas féministe, mais …“ zeigen die Regisseurinnen Florence und Sylvie Tissot eine Kombination bekannter Interviews mit neuem Archivmaterial. Sie geben Einblicke in vergangene Diskussionen über die Rolle der Frau – richten ihren Blick aber auch auf die aktuellen Kämpfe des europäischen Feminismus.

„Je ne suis pas féministe, mais …“ läuft im Rahmen der Sektion begehrt! filmlust queer am Sonntag, den 24.04. um 11.30 Uhr im Odeon in der Kölner Südstadt.

Tickets gibt es unter koelnticket.de.

Text: Steffi Karrenbrock
Foto: IFFF Dortmund|Köln

 



Der Beitrag wurde am Mittwoch, den 20. April 2016 um 16:30 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, IFFF-Specials abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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