Ein Projekt des Studiengangs Online-Redakteur
an der Technischen Hochschule Köln
Bild von vielen Wollhandschuhen in einer Reihe
 
 
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Die Chevalier-Chauvis

Nur männliche Protagchevalieronisten und dann gleich sechs an der Zahl! In Athina Rachel Tsangaris Film „Chevalier“ (2015) werden sechs gestandene Männer  zu zappelnden Versuchskaninchen in einer Sozialstudie. Sie wollen herausfinden: Wer ist der Beste? Der Beste von allen? Und manch eine Zuschauerin mag sich fragen: Sind Männer wirklich so schlimm, wenn sie, auf sich allein gestellt, in die große weite Welt fahren? Und warum ist dann jemals jemand auf die Idee gekommen, sie als das „starke“ Geschlecht zu bezeichnen?

Die Sonne steht schon tief und die See ist friedlich, als die Männer sich ihren Weg an Land bahnen. Das Meer in der kleinen Bucht von atemberaubender Schönheit ist ganz offensichtlich ruhig, die Wellen flach, fernes Möwengeschrei. Ein orangefarbener Horizont taucht die malerische Szenerie in feriengereiftes Licht. Die Männer aber müssen kämpfen. Kämpfen, um mit kraftvollen, männlichen Bewegungen dem Wasser zu entsteigen. Kämpfen, um ihre Beute mit sich zu schleppen. Und kämpfen, wenn sie den gefangenen Fisch auf ihrer Yacht stolz in die Kamera halten. „Mein Arm hat schon wehgetan“, raunt einer nach dem Posieren fürs Beweisbild und lässt seinen schweren Fang schnell hinunterplumpsen.

Sechs Männer sind es, die in Athina Rachel Tsangaris Tragikomödie „Chevalier“ unermüdlich ihre Männlichkeit unter Beweis zu stellen versuchen und gemeinsam auf einer luxuriösen Yacht über das Ägäische Meer schippern. Sie alle haben den Zenit ihrer Jugend längst überschritten und segeln auf den unberechenbaren Gewässern der Midlife Crisis vor sich hin. Nachdem die Fischjagd bereits einiges Kräftemessen, Fischgrößenvergleiche und gegenseitige Sticheleien nach sich gezogen hat, beschließen die Männer in abendlicher Runde ein Spiel. Eine Wette. Sie gehen der simplen Frage nach: Wer ist der Beste in – nun ja, allem. Zu gewinnen gibt es den Chevalier, einen Siegelring.

Zunächst werden bloß diverse Gewohnheiten bewertet. Wer trinkt wie seinen Espresso? Schwarz? Mit Milch? Etwa Kondensmilch? Und wer nimmt die athletischste Schlafstellung ein? Pluspunkte gibt es für geschmackvolle Unterwäsche, Minuspunkte für überhöhte Speichelproduktion. Was zunächst als harmloses und leicht bescheuertes Spiel daherkommt, erweist sich jedoch schnell als von den Teilnehmern todernst genommener Wettkampf. Beim Mannschaftsputzen der Yacht wird sich verausgabt und wenn jemand bei starkem Wellengang mal verschwinden muss, vertuscht er seine Krankheit, indem er vorgibt, besonders hungrig zu sein. Kein Anzeichen von Schwäche ist erlaubt. Ikearegale werden im Akkord an Deck aufgebaut, Klingeltöne auf Eigenarten hin untersucht und Ehefrauen vor versammelter Mannschaft telefonisch befragt.

Während die Grenzen zwischen sportlichem Wettkampf und persönlicher Versagensangst zu einem einzigen absurden Theater zerfließen, erfährt der Zuschauer vereinzelt etwas über die Beziehungen der Protagonisten untereinander. Die Beweggründe der Fahrt jedoch bleiben, ebenso wie jegliches Denken und Fühlen der Männer abseits von Competition und Kräftemessen, im Dunkeln. Zwar entstehen immer wieder intime Szenen zu zweit, die auf tiefer gehende Freundschaft oder gemeinsame Vergangenheit der Männer hinweisen und von starken Einzeldarstellern getragen werden. Doch feinsinnige Emotionen bleiben weitestgehend überschattet von der großen Inszenierung nicht altern wollender Primate im Wettkampfmodus. Manch eine Zuschauerin mag sich während des Films fragen: Sind Männer wirklich so schlimm, wenn sie, auf sich allein gestellt, in die große weite Welt fahren? Und warum ist dann jemals jemand auf die Idee gekommen, sie als das „starke“ Geschlecht zu bezeichnen?

Im Laufe des Films gehen die Rivalen immer weiter an ihre Grenzen und der Film strapaziert analog dazu die Grenzen der Unterhaltung. Eine skurrile Szene jagt die nächste. Es ist zwar unleugbar komisch, wenn sich gestandene Männer mittleren Alters darüber streiten, ob sie eine Ananas wären, wären sie eine Frucht. Es ist aber auch absurd. Und die Absurditäten steigern sich im Laufe des Films ins Unerträgliche.

In einer besonders irrwitzigen Szene präsentiert einer der Männer des Nächtens Beifall heischend seine grotesk unter Schlafshirt und Bauchansatz hervorragende Erektion, nachdem er am vorangegangenen Morgen beim Vergleich der Morgenlatten den Kürzesten gezogen bzw. keine mehr vorzuweisen hatte. Erst eine Tasse Tee und ein paar warme Worte können ihn schließlich ins Bett geleiten, in seinen wahnwitzig aufgerissenen Augen flackern existenzielle Ängste.

Die Versuchskaninchen der griechischen Regisseurin Tsangaris scheitern der Reihe nach, ebenso wie die Sozialstudie selbst. Trotz zahlreicher Empfindsamkeiten eines jeden Mannes beläuft sich das überspitzte Experiment Tsangaris am Ende nämlich nur auf eines: die Reduktion sämtlicher Charaktereigenschaften der Hauptfiguren auf den scheinbar einzig männlichen Trieb, der Beste sein zu wollen. Überzeugende Darsteller und unzählige maßlos komische Szenen machen „Chevalier“ dennoch zu einer unterhaltsamen Persiflage auf den klassischen „Buddy-Film“.

„Chevalier“ ist am Donnerstagabend um 19 Uhr in der Filmpalette zu sehen!

Text: Johanna Dürrholz

Bild: IFFF



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Der Beitrag wurde am Donnerstag, den 21. April 2016 um 09:00 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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