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In der Stadt der ermordeten Frauen

luchadoras

Durch den „Feminicidio“, die schwindelerregende Serie an Frauenmorden, hat die mexikanische Grenzstadt Ciudad Juárez weltweites Aufsehen erregt. In der Graphic Novel „Luchadoras“ – erschienen 2006 – setzt die französische Comic-Zeichnerin Peggy Adam den bis heute unaufgeklärten Gewalttaten eine junge Heldin entgegen: Ein schwarz-weißes Drama über eine Frau, die ums Überleben und um ihre Würde kämpft.

Ciudad Juárez ist die tödlichste Stadt der Welt. Nirgendwo sonst werden mehr Menschen – gemessen an der Einwohnerzahl von 1,5 Millionen – ermordet als in der mexikanischen Wüstenstadt, direkt an der Grenze zu den USA. Seit Jahren tobt hier ein erbitterter Kampf zwischen zwei Drogenkartellen und fordert jährlich mehrere Tausend Todesopfer. Die meisten von ihnen sind junge Frauen, Kinder noch, die in den Maquiladoras, billig produzierenden Kleinbetrieben, ihren Hungerlohn verdienen oder als Kellnerinnen und Prostituierte arbeiten.

Nach Angaben des unabhängigen Forschungsinsitutes Observatorio contra el Feminicidio wurden allein zwischen 2012 und 2013 mehr als 3.800 Frauen in Ciudad Juárez verschleppt und ermordert. Tag für Tag verschwinden weitere – bei der Arbeit in der Fabrik, in Bars oder auf dem Nachhauseweg. Ihre leblosen Körper findet man häufig erst Wochen später, verstümmelt und übel zugerichtet, irgendwo an den Ufern des Rio Grande oder in der Chihuahuan-Wüste.

Zwischen Staub, Tequila und Schießereien

Vor diesem Hintergrund spielt „Luchadoras“, das Comic-Debut der französischen Zeichnerin und Autorin Peggy Adam. Sie setzt der Brutalität und Männergewalt in Ciudad Juárez eine junge Frau entgegen: Alma, selbstbewusst und mit Totenkopf-Tattoo auf dem Oberarm. Allzu gerne möchte man in ihr die toughe Heldin sehen, die sich gegen den ominpräsenten Machismo in ihrer Heimatstadt zur Wehr setzt – doch Peggy Adams Figuren sind graustufiger, als es ihre schwarz-weißen Tuschezeichnungen auf den ersten Blick erscheinen lassen.

Zwischen Staub, Tequila und Schießereien kämpft Alma ums eigene Überleben und das ihrer kleinen Tochter Laura – in einer Stadt, in der ein einzelnes Menschenleben nichts wert ist und Mord zum Alltagsgeschäft zwischen Gangs und korrupten Polizisten gehört. Die Allgegenwart dieser Bedrohung schwingt in Peggy Adams Bildern immer mit: Wenn Alma die miesen Anmachen in der Bar, in der sie jobbt, mit rotziger Angriffslust niederschmettert oder eine Gruppe junger Frauen beobachtet, die vor einer Fabrik zusammengetrieben werden. „Ich will nicht wie all die anderen Mädchen im Straßengraben enden“, zischt Alma den Leser_innen schon nach wenigen Seiten bitter entgegen – deswegen auch das Messer in ihrem Hosenbund.

Eine höllische Kloake des Drogenhandels

Die europäische Sicht auf den Chauvinismus und die routinierte sexualisierte Gewalt liefert Jean, ein gutgläubiger Tourist, der sich Hals über Kopf in die junge Frau verliebt. Er träumt davon, Alma der höllischen Kloake des Drogenhandels und den Gewaltsexzessen ihres krankhaften Ehemannes Romel zu entreißen. Doch die Ernüchterung angesichts des Übermaßes, den die Brutalität in Ciudad Juárez erreicht hat, trifft auch ihn schonungslos, bevor die Geschichte endet.

Bereits 2006 – der Femizid hatte da gerade einen neuen Höhepunkt erreicht – erschien „Luchadoras“ in Frankreich. Ein Jahr später war es bei dem bedeutenden europäischen Comic-Festival in Angoulême nominiert und wurde daraufhin in mehrere Sprachen übersetzt. 2013 erschien es in Deutschland. „Luchadoras“, der Titel der Graphic Novel, nimmt Bezug auf die weiblichen Wrestlerinnen in Mexiko, die mit fruchteinflößenden Masken und martialischen Gebärden gegeneinander in den Ring steigen.

Text: Philippa Schindler

Bild: Eneas de Troya, CC 2.0



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Der Beitrag wurde am Donnerstag, den 21. April 2016 um 02:00 Uhr veröffentlicht und wurde unter Fokus: Mexiko, Hintergrundinfo abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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