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Sufat Chol – über starke Frauen im Patriarchat der israelischen Wüste

sufatchol„Tell him that you will never speak to him again. Ever.“ Laylas Mutter will, dass ihre Tochter ihrem Freund am Telefon mitteilt, dass sie den Kontakt zu ihm abbricht. Was sich für die moderne westliche Kultur anfühlt wie ein Rückschritt in die graue Vorzeit, ist für junge beduinische Frauen wie Layla bittere Realität. Der bereits preisgekrönte Film „Sufat Chol“ der Regisseurin Elite Zexer zeichnet ein eindrucksvolles Bild patriarchalischer Strukturen in einem Beduinendorf am Rande der israelischen Negev-Wüste.

Layla ist ein junges Mädchen, das in einem Zwiespalt zwischen Tradition und dem Wunsch nach Selbstverwirklichung lebt. Sie liebt einen jungen Mann, der in den Augen ihrer Eltern ihrer nicht würdig ist. Die Protagonistin ist gefangen im „Kulturkäfig“ aus Respekt vor ihren Eltern, Zwangsverheiratung und einer Kultur, in der alle Entscheidungsgewalt allein bei den Männern liegt. Sie ist ein schlaues Mädchen zwischen zwei Welten: Tagsüber studiert sie in der Stadt, lebt in einer modernen Welt – abends dann aber kehrt sie zurück in das Gegenteil: in die Wüste, wo sie auf ihre Schwestern aufpasst, den Boden wischt oder Wäsche machen muss.

„Sufat Chol“ („Sand Storm“) spielt in einem kleinen Ort im staubigen Niemandsland der israelischen Negev-Wüste, in dem ein Beduinen-Stamm zu Hause ist. Im Zentrum des Films steht Laylas Familie: Laylas Mutter Jalila, Layla und ihre drei jüngeren Schwestern sowie ihr Vater Suliman und dessen zweite Frau.

„I have to“ – dieser Satz scheint das Mantra zu sein, nachdem Laylas Vater Suliman lebt. Entsprechend seinem Autoritätsanspruch fordert er von seiner ersten Ehefrau Jalila und seiner ältesten Tochter Layla: „You don’t have to do anything“ – jedenfalls nichts, was nicht seinem Frauenbild entspricht. Dies ist das unterschwellige Leitmotiv der beiden weiblichen Hauptrollen. Suliman liebt seine Töchter, aber zögert nicht, mit harter Hand durchzugreifen, als er davon erfährt, dass Layla sich mit einem jungen Mann trifft.

„Sufat Chol“ ist das Debüt der israelischen Regisseurin Elite Zexer, die im Januar mit ihrem Erstwerk auf dem renommierten Sundance Festival in Utah den Preis der Grand Jury in der Kategorie „World Cinema – Dramatic“ gewann. Das Sundance gehört zu einem der wichtigsten Filmfestivals der Branche und ist mit über 45.000 Gästen das größte Festival für Independent-Filme in den Vereinigten Staaten. Nach diesem großen Erfolg reist der Film nun um die Welt und hat am vergangenen Dienstag das Frauenfilmfestival in Köln eingeleitet. Es sei das erste reine Frauen-Film-Festival, auf dem „Sufat Chol“ gezeigt wird, so Zexer bei der Festivaleröffnung im Odeon.

Suliman und seine viel jüngere zweite Frau leben Tür an Tür mit seinen vier Töchtern und seiner ersten Ehefrau und teilen sich einen gemeinsamen Garten. Dieses Wohn-Arrangement führt zu einer peinlichen Situation, als Layla zur neuen Frau ihres Vaters gehen und sie um Lebensmittel bitten muss, nachdem der Strom für ihren Kühlschrank ausgefallen ist.

Der Film schafft es, in 87 Minuten eine Geschichte von – aus westlicher Sicht – unterdrückten Frauen zu erzählen, die aber in Wahrheit das willensstärkere Geschlecht sind. Durch eine bildstarke, symbolträchtige Gestaltung macht der Film deutlich, dass alle Charaktere in ihrer eigenen Situation feststecken.

Die Inspiration, der dieser Film zugrunde liegt, ist eigentlich eine schöne Geschichte: Zexers Mutter hatte über zehn Jahre die Beduinen fotografiert und sich in dieser Zeit mit ihnen angefreundet. Diese Freundschaften halten bis zum heutigen Tage und führten dazu, dass auch Elite Zexer in Kontakt zu den Frauen kam. Sie selbst sagt, diese Frauen seien ihre Freundinnen und die dort herrschenden kulturellen Werte und Normen hätten sie dazu bewogen, diesen Film zu machen.

Vor etwa sechs Jahren hat Zexer mit „Tasnim“ schon einen Kurzfilm zum Thema gemacht, um herauszufinden, wie ein Einblick über den beduinischen Kulturkreis ankommt, der von einer Nicht-Beduinin gemacht wurde.

„Sufat Chol“ gehört zu den acht Produktionen, die in der Kategorie „Debüt-Spielfilm“ im Wettbewerb des Frauenfilmfestivals nominiert sind. Am Sonntagabend werden bei der Abschlussveranstaltung im Odeon der Gewinner-Film und seine Regisseurin gekürt.

Für alle, die den Film sehen möchten, besteht am Donnerstag, 21.4., bei einem zweiten Screening um 16:00 im Odeon in der Südstadt die Möglichkeit dazu. Im Anschluss findet ein Gespräch mit der Regisseurin Elite Zexer statt.

Text: Victoria Becker

Bild: IFFF



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Der Beitrag wurde am Donnerstag, den 21. April 2016 um 09:54 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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