Ein Projekt des Studiengangs Online-Redakteur
an der Technischen Hochschule Köln
Bild von vielen Wollhandschuhen in einer Reihe
 
 
Zurück zur Startseite

Immer noch Angst vor Sibylle Berg?

Szene aus "Wer hat Angst vor Sibylle Berg?"Zwei Jahre lang wurde Sibylle Berg begleitet von den beiden renommierten Filmemacherinnen Wiltrud Baier und Sigrun Köhler. Das Ergebnis ist die Dokumentation „Wer hat Angst vor Sibylle Berg?“, der Versuch, einer starken Persönlichkeit näher zu kommen, die stets nur so viel von sich preisgibt, wie sie gerade will. Ob es den beiden gelingt, bestehende Vorurteile über diese viel diskutierte Künstlerin zu widerlegen, könnt ihr heute, 22.04., um 20.15 Uhr im Filmforum herausfinden.

„‚Hasspredigerin der Singlegesellschaft‘, ‚Designerin des Schreckens‘, ‚Letzte freie Radikale unter den deutschen Schriftstellerinnen‘, ‚Die erbarmungsloseste deutsche Schriftstellerin‘, ‚Die Fachfrau fürs Zynische‘ … – Frau Berg, Sie provozieren die Leute irgendwie …“
Frau Berg fällt ungeduldig ins Wort: „Nee, falsch, falsch, falsch! Die Leute fühlen sich provoziert und ich blicke das Ganze voller Unverständnis an.“

Die ersten Sätze der Dokumentation lassen schon erahnen, dass das Ziel der nun beginnenden Reise mit Frau Berg sein könnte, ein vielleicht nicht ganz unbekanntes, aber mit Sicherheit neues Bild dieser Künstlerin zu zeichnen.
Wiltrud Baier und Sigrun Köhler, zwei Filmemacherinnen, die als „Böller und Brot“ bekannt wurden durch ihren Debütfilm „Schotter wie Heu“ und 2012 den Grimmepreis für „Alarm am Hauptbahnhof“ erhielten, haben Sibylle Berg zwei Jahre lang begleitet und ganz besondere Momente und Dialoge eingefangen, die wie ein Fenster in deren Welt wirken. Wir sehen, wo sie gelebt hat, wo ihre Bestseller entstanden sind, werfen einen Blick in ihr Wohnzimmer und zwischendurch lässt sie uns teilhaben an ihren Erinnerungen, Empfindungen, Wünschen und Ängsten.

Sibylle Berg im Lautner-Haus

Früher dachte Sibylle Berg noch, sie müsste nach Los Angeles ziehen: „… wegen der schönen Häuser“. Während einer Privatführung durch das „Lautner-House“, direkt am Anfang des Films, trifft sie auf einen „schwierigen Gesprächspartner“. Es drängt sich das Gefühl auf, dass nicht nur die Sprachbarriere Grund für das schwer in Fahrt kommende Gespräch über Architektur mit dem wortkargen Amerikaner ist, dem Besitzer des Hauses. Mit einem „We fuck off“, soll heißen „Ich glaub‘ wir hauen hier ab“, verlässt Sibylle die Szene und wir sind etwas erleichtert, dass ihr Gesprächspartner nicht mitkommt. Der nächste Halt in der Werkstatt eines amerikanischen Künstlers stellt sich als etwas angenehmer heraus. Vielleicht weil sie sich seinen traurig-albernen Puppen so verbunden fühlt. Man unterhält sich. Über ihre nicht vorhandenen Sex-Schwingungen und über ihren „Ossi-Traum“, irgendwann in der Schweiz zu leben. Einen Traum, den sie sich längst erfüllt hat. Doch sollte das alles gewesen sein? „Jetzt denke ich, es gibt Schlimmeres als in der Schweiz zu verenden.“

Wir wechseln die Szene und den Kontinent und finden uns wieder im malerischen Bergpanorama des Tessin. Zwischen Späßchen über heroische Denkmäler von Männern, die man an jeder Ecke vorfindet, und der Erkenntnis, warum Frauen nicht die Welt erklären, sondern über ihre Depressionen schreiben, erfahren wir, wie sie bereits mit fünf Jahren von Edgar Allen Poe nachhaltig beeinflusst und dazu inspiriert wurde, ihren ersten Krimi zu schreiben. Wegen Max Frisch hat sie sich jedenfalls nicht in das Kanton verliebt.
Zeitlos wirken die Momentaufnahmen, die sich über zwei Jahre erstrecken, und die vielen Orts- und Szenenwechsel scheinen fast zufällig aneinander gereiht worden zu sein. Immer wieder stichelt Sibylle Berg gegen die Frauen hinter der Kamera: über die Länge des Interviews, die Kräuter am Wegrand und ob sie tatsächlich vorhätten zu filmen, wie sie jetzt „drei Stunden lang diesen Weg lang gehen“. Baier und Köhler schaffen es mit ihrer Art zu filmen auf wunderbare Weise, ein Gefühl der Intimität und Nähe zu schaffen. Die am Anfang kurz aufkommende Furcht des Zuschauers vor peinlichen Stillen und unangenehmen Gesprächssituationen verfliegt schnell. Es wirkt, als würde man mit im Raum sitzen und sämtliche Waldwege der Schweiz entlangschlendern, während Sibylle Berg ihren Senf dazugibt.

Szene aus "Wer hat Angst vor Sibylle Berg?"

Im Laufe des Films erschließt sich langsam wie aus Mosaiksteinen ein Bild der Autorin, die nicht selten einfach nur Blödsinn redet oder sich beim Glucksen über ihre eigenen Späße beinahe verschluckt. Ihre Art, sich selbst aufs Korn zu nehmen, aber auch die zahlreichen gesellschaftskritischen Ansichten, wie man sie von Frau Berg bereits kennt, fügen sich letztlich zu einer Erkenntnis zusammen. Am Ende des Films müssen die Mosaiksteinchen zwar noch ein wenig geordnet werden, aber eines ist klar: Angst vor dieser Frau ist in jedem Fall die falsche Emotion.

Beim IFFF wird die Dokumentation am Freitag (22.04.) um 20:15 Uhr im Filmforum Köln gezeigt.
Eine weitere Vorstellung wird es am Samstag (23.04.) um 20:00 Uhr im RWE Forum Dortmund geben.

Text: Filiz Kurtulgil

Bilder: IFFF



Tags: , , , , ,

Der Beitrag wurde am Freitag, den 22. April 2016 um 17:36 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

Eine Reaktion zu “Immer noch Angst vor Sibylle Berg?”

  1. Natti

    Gut geschrieben ! 😉 werde ich mir anschauen.