Ein Projekt des Studiengangs Online-Redakteur
an der Technischen Hochschule Köln
Bild von vielen Wollhandschuhen in einer Reihe
 
 
Zurück zur Startseite

„Saute ma ville“ – Der leise laute Abschied vom Leben

Die Hauptdarstellerin dem Fußboden ihres Badezimmers

Am Schluss ist alles schwarz. Chantal Akerman lässt den Zuschauer von „Saute ma ville“ alleine mit seiner Phantasie davon, was mit der Protagonistin in ihrer Wohnung passiert, nachdem sie dort mehrere kleine Brände gelegt hat. Allzu viel Spielraum zur Interpretation lässt die Ende letzten Jahres verstorbene Filmemacherin ihrem Publikum aber nicht, denn im Hintergrund sind immer wieder laute, explosionsartige Geräusche zu hören.

Begonnen hat im Kurzfilm „Saute ma ville“ (1968) alles recht harmlos: Unaufgeregt begleitet die Kamera eine junge Frau dabei, wie sie ihre Wohnung betritt und – scheinbar – völlig normale Dinge tut. Sie setzt sich hin, steht wieder auf, bereitet sich ein Abendessen zu. Alltag. Und doch erzeugt Akerman die ganze Zeit über eine Spannung, die erahnen lässt, dass noch etwas passieren wird, im Laufe dieses eigentlich so normal erscheinenden Abends. Dass all das einem größeren Ziel dient. Dass die scheinbare Ruhe jeden Moment kippen könnte. Und so beobachtet das Publikum die Protagonistin dabei, wie sie die Küche putzt, die weder sonderlich groß noch sonderlich schmutzig ist. Trotzdem wird der Raum von ihr akribisch mit Putzmittel und Schrubber angegangen, der Boden, die Wände. Als wolle die junge Frau jede Spur ihrer ehemaligen Existenz in diesen Räumen für immer wegwischen, im Vorfeld alle Beweise dafür beseitigen, was im weiteren Verlauf des Abends geschehen wird.

Der Drang nach Sauberkeit, das aggressive Herumschrubben, betrifft allerdings nicht nur die kleine Küche. In einer kurzen, sehr eindrücklichen Sequenz, sieht man die Protagonistin, wie sie am Boden sitzt und ihre Schuhe putzt. Mit einer Wurzelbürste verteilt sie das Putzmittel erst auf den Schuhen und schließlich auf ihrem Schienbein – genauso erbarmungslos, wie sie zuvor das Schuhwerk geputzt hat. Ein Versuch, die bedrückende Realität der kleinen Wohnung, der zu kleinen Existenz loszuwerden. Sich selbst loszuwerden? In der bedrückenden Stille der Wohnung wirkt jedes Geräusch übermäßig laut. Das Klappern des Geschirrs, das Kratzen des Putzzeugs über den Boden – und dann immer wieder der Gesang. Ein aufdringlich lauter Gesang aus dem Off, der scheiternde Versuch, die Stille der Wohnung zu übertönen. Im Laufe des Films scheint der Gesang immer lauter zu werden, je verzweifelter seine Protagonistin wird. Und nicht nur deshalb entsteht der Eindruck, es handele sich hierbei in Wirklichkeit um deren innere Stimme, die versucht, eine erdrückende Leere zu füllen, der sich die junge Frau ausgesetzt sieht. Besonders deutlich wird das in einer Sequenz, in der die Off-Stimme lacht, während die Frau in der Wohnung Seife auf ihrem Körper verteilt und währenddessen ebenfalls lacht. Was außerdem auffällt: In den letzten Minuten des Films ist die vorher so dominante Stimme nicht mehr zu hören. Kapitulation? Oder wurde sie nicht mehr gebraucht?

All das erzählt Akerman bedacht aufs Detail, unaufgeregt, sogar in den dramatischen Schlusssekunden ohne die Hektik, die man in Anbetracht dessen, was sich dort abspielt, hätte erwarten können. Sie zwingt den Zuschauer, zuzusehen, es auszuhalten. Dafür lässt sie dem Publikum einige Interpretationsmöglichkeiten, gerade was das Ende angeht. So ist die Schlusssequenz, in der die Protagonistin am Herd steht und vollkommen ruhig das Feuer legt, nur im Spiegel zu sehen. Die Realität wird über einen Umweg abgebildet und wirft die Frage auf, ob sie so überhaupt stattfindet. Die schwarze Leinwand am Ende gibt, gemeinsam mit der beeindruckenden Geräuschkulisse, jedem die Chance, diese Frage für sich selbst zu beantworten.

Text: Vera Siebnich

Bild: IFFF



Tags: , , ,

Der Beitrag wurde am Freitag, den 22. April 2016 um 21:30 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

Kommentarfunktion ist deaktiviert