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Wir wollen leben: Sexualisierte Gewalt in Mexiko

vivas nos queremos

#FelizDiaDeLaMujer – Alles Gute zum Frauentag: Unter diesem Hashtag twittert eine junge Frau das Überwachungsvideo eines unbekannten Mannes, der sie am 8. März auf einer Straße in Mexiko-City belästigt und angegrabscht hat. Ihre Suche nach dem Täter löst im Netz eine Welle von Hass und Morddrohungen aus – einmal mehr debattiert Mexiko nun über seine Machismo-Kultur und die alltägliche Gewalt gegen Frauen.

Am 8. März 2015, dem Internationalen Frauentag, geht die 26-jährige Amerikanerin Andrea Noel durch die Straßen von Condesa, einem wohlhabenden, als sicher geltenden Viertel in Mexiko-City, als ein Mann ihr von hinten das Kleid hochreißt, ihren Slip herunterzieht und dann flüchtet. Unter dem Hashtag #FelizDiaDeLaMujer, Alles Gute zum Frauentag, veröffentlicht Noel am nächsten Tag das Überwachungsvideo, das sie von einem Haus in der Nähe des Überfalles erhalten hat: „Falls ihr diesen Idioten kennt, identifiziert ihn bitte“, schreibt sie dazu, „Frauen sollten in der Lage sein, ruhig durch die Straßen zu laufen.“

Bereits wenige Stunden später tobt im Netz ein gewaltiger Shitstorm um die Veröffentlichung der Aufnahme. Andrea Noel erhält Morddrohungen, im Internet veröffentlichen Männer ihre Adresse. „Blonde Scheißschlampe, wenn ich dich sehe, werde ich dir nicht nur den Rock hochheben, sondern dich umbringen“, schreibt einer. Oder: „Der Boss hat den Befehl schon gegeben. Heute wirst du sterben.“ Als Noel eines Abends in ihrer Wohnung von einem Laserpointer verfolgt wird, entschließt sich die junge Journalistin, die für US-Medien über Mexiko berichtet, das Land zu verlassen. Seit einigen Wochen lebt sie nun wieder in New York.

Vivas nos queremos, wir wollen leben.

Jede dritte Frau hat in ihrem Leben schon einmal sexualisierte Gewalt erlebt, das geht aus einer umfassenden Studie der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2012 hervor. Für Deutschland gilt das ebenso wie für Mexiko. Mit dem großen Unterschied: der „Feminicidio“ – das Töten von Frauen, einfach weil sie Frauen sind – ist in Mexiko längst Alltag geworden. Allein zwischen 1985 und 2010 wurden dort 36.606 Morde an Frauen registriert, 2010 waren es sechs am Tag.

Doch nur in den wenigsten Fällen kommen die Täter vor Gericht, zuletzt im Juli 2015. Fünf Männer wurden in der nordmexikanischen Grenzstadt Ciudad Juarez wegen Menschenhandel und Mord an elf jungen Frauen verurteilt – zu 697 Jahren Haft. Eine historische Entscheidung für Frauenrechtlerinnen in Mexiko: „Straflosigkeit ist zu oft die Norm und nicht die Ausnahme“, findet Michelle Bachelet, Präsidentin Chiles und gleichzeitig Geschäftsführerin der Frauenorganisationen UN Women. Sie fordert schon seit Jahren ein konsequenteres Vorgehen gegen sexualisierte Gewalt und Femizid in Mexiko. Doch ob spezielle Schulungen, an denen Polizisten und Staatsanwälte demnach teilnehmen sollen, wirklich helfen, in dem von Bestechung korrumpierten Mexiko?

Sexista Punk und Konfetti-Kanonen

Viele mexikanische Frauenrechtsgruppen und Aktivistinnen haben ihr Vertrauen in das Justizsystem mittlerweile verloren. Gemeinsam setzen sie sich gegen die Dominanz des Machismo und seine alltägliche Gewalt zur Wehr – so wie das feministische Kunstkollektiv „Las Hijas de Violencia“, die Töchter der Gewalt. Ihre Anhängerinnen beschießen Männer, von denen sie belästigt werden, mit Konfetti-Pistolen und beschallen sie mit Punkmusik. Ihr Credo ist ein Zitat des Künstlers Paul Klee: Kunst gibt nicht das Sichtbare wider ­– Kunst macht sichtbar.

Der Täter, der Andrea Noel am 8. März 2015, auf der Straße sexuell belästigte, ist mittlerweile übrigens gefasst. Tausende Twitter-User hatten ihr nach ihrem Aufruf Namen möglicher Täter und Links zu Facebook-Profilen gesendet, mit Erfolg. Wann es zu einem Prozess gegen den jungen Mann kommt, ist bislang aber noch unklar.

Text: Philippa Schindler
Bild: Bianca Cardoso CC 2.0



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Der Beitrag wurde am Freitag, den 22. April 2016 um 01:14 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, Hintergrundinfo abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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