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Mustang – Fünf Schwestern zwischen Tradition und Freiheitsdrang

04_Mustang_-®WeltkinoEine Szene, wie man sie aus jedem Freibad kennt: Fünf Mädchen albern ausgelassen mit Jungs im Wasser herum. Sie ahnen nicht, dass ebendiese völlig harmlose und unschuldige Situation ein drastisches Nachspiel für sie haben wird. In ihrem Oscar-nominierten Regiedebüt „Mustang“ erzählt Deniz Gamze Ergüven in 100 Minuten eine Geschichte von Repression und Rebellion.

Eine missgünstige Nachbarin, die das Spiel der Mädchen beobachtet hat, alarmiert den traditionsbewussten Onkel, bei dem und bei dessen Mutter die fünf Schwestern nach dem Tod der Eltern aufwachsen. Als die aufgebrachte Großmutter die Mädchen zu Hause empfängt, beginnen diese zu verstehen, dass ihr jugendlich-unschuldiges Glück und ihre Freiheit in Gefahr sind. Fortan werden Lale, Nur, Ece, Sonay und Selma im Haus eingeschlossen, entgegen aller Sehnsucht nach Freiheit. Sie sollen gute Hausfrauen für ihre zukünftigen Ehemänner werden – und das vielleicht auch schon früher als gedacht. Je stärker die Mädchen den Regeln ihres fanatischen Onkels Erol trotzen, indem sie heimliche Ausflüge unternehmen, desto härter greift dieser durch. Trotz der Beschwichtigungsversuche der Großmutter baut er das Haus mehr und mehr zu einer Festung aus. Handys, Computer, freizügige Kleidung und Schminke werden konfisziert. Später sind für die Schwestern nicht einmal mehr Schulbesuche vorgesehen.

In gleichem Maße, wie sich die Situation für die Mädchen zuspitzt, verliert auch der Film immer mehr an der anfänglichen Leichtigkeit. Suggeriert wird dem Zuschauer diese Leichtigkeit vor allem durch die unerschrockene Besonnenheit von Lale, der jüngsten Schwester. Diese unternimmt regelmäßig Ausflüge in die Freiheit, bei denen sie Freundschaft mit Yasin, einem jungen Mann, schließt, der ihr das Autofahren beibringt. Verstärkt wird dieser Eindruck von Leichtigkeit auch durch den anfangs noch unbändigen Geist der Freiheit, den Ergüven auf sinnliche Art einzufangen weiß. Nachdem sich die Mädchen ihrem Schicksal gebeugt haben und nach und nach verheiratet werden, steht schließlich Nur unmittelbar vor ihrer eigenen Zwangsehe. Das ist für die Mädchen, von denen nun nur noch Lale und Nur unverheiratet sind, der Auslöser, sich auf eine halsbrecherische Flucht in die Freiheit zu begeben.

Neben der erzählenswerten Thematik überzeugt „Mustang“ durch seine großartigen Landschaftsaufnahmen der türkischen Schwarzmeer-Küste und Istanbuls. Ein Film mit viel Atmosphäre, der zugleich melancholisch und rebellisch, leicht und doch bedrückend ist und dabei an eine Mischung aus Fatih Akins „Gegen die Wand“ und „The Virgin Suicides“ erinnert. Lale, die junge Protagonistin des Films, die die Flucht der letzten beiden unverheiratet gebliebenen Schwestern initiiert und sich nicht mit dem durch die Familie vorbestimmten Schicksal abfinden will, schafft es, den Zuschauer mitfiebern zu lassen. Auch die herausragende schauspielerische Leistung der zum Großteil unerfahrenen, jungen Darstellerinnen muss an dieser Stelle gelobt werden.

„Mustang“ ist ein Film, der den Zwiespalt zwischen tradierten Werten und dem Wunsch nach westlicher Freiheit und Selbstbestimmung in Zeiten eines gesellschaftlichen Umbruchs thematisiert. Ein beflügelndes und doch bedrückendes Plädoyer für mehr Rechte – künstlerisch wertvoll verpackt.

Text: Lilly Himberger

Bild: IFFF



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Der Beitrag wurde am Samstag, den 23. April 2016 um 02:00 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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