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„Aber sind wir nur die Geträumten?“

IFFF2016_Die Getraeumten_4_(c) Ruth Beckermann FilmproduktionDie großen Liebesgeschichten dieser Welt überdauern Zeit und Raum. Die Beziehung zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan ist auf ewig dokumentiert in ihrem
2009 erstmals veröffentlichten Briefwechsel. Doch wie lieben, wie verlieben wir uns heute? In Zeiten von Smartphones und Kulturferne hat Ruth Beckmann einen großartigen Film über ein unvergängliches Thema gemacht: Liebe.

Der bereits namhafte Dichter Paul Celan begegnet der noch unbekannten Philosophie-Studentin Ingeborg Bachmann 1948 in Wien. Es entspinnt sich eine Beziehung, die ihn für den Rest seines Lebens begleiten soll. 60 Jahre später treffen sich zwei Schauspieler, die den Briefwechsel der beiden Lyriker vertonen. Sie tauchen ein in die intensive Gefühlswelt zweier Ausnahmedichter  – und verlieren sich darin.

Das Auf und Ab der Liebe zwischen Celan und Bachmann spiegelt sich in den von Beckmann gewählten Briefen wider. Celan, der Holocaust-Überlebende, dessen Eltern im KZ starben. Bachmann, deren Vater NSDAP-Mitglied und ranghoher NS-Offizier war. Er in Paris; sie in Wien, Rom, Zürich. Es gibt immer wieder Einschnitte in die Beziehung. Die beiden überwerfen sich, es gibt Jahre, in denen absolute Funkstille herrscht. Bachmann hegt Beziehungen zu anderen Männern, Celan heiratet 1951, nur kurz nach dem Ende der Beziehung, die Grafikerin Gisèle Lestrange, mit der er später einen Sohn hat.

Die Schauspielerin, eindrucksvoll gespielt von Anja Plaschg, die als Experimentalmusikerin unter dem Namen „Soap & Skin“ bekannt ist, ist hin- und hergerissen. Sie tastet sich während der Aufnahmen langsam an Bachmann heran, umkreist den schwierigen Charakter und ist immer wieder überwältigt von der emotionalen Schieflage der Beziehung. In den Pausen rauchen und reden die beiden Darsteller; knisterndes Zigarettenpapier, Tätowierungen auf dem Oberarm werden gezeigt. Wenn sie Streitigkeiten zwischen Celan und Bachmann diskutieren, nimmt sie kaum merklich die Haltung Bachmanns ein, während er für Celan in die Bresche springt. Der harmlose Flirt zwischen den Schauspielern wird überschattet von der zerstörerischen Kraft der Liebe Celans und Bachmanns, zugleich jedoch befruchtet von deren melancholischer Tiefe.

Im Oktober 1957 begegnen sich Ingeborg und Paul auf einer Literaturtagung wieder. Aus Zufall wird Schicksal: Mit überschwänglicher Euphorie entflammt die Liebe der beiden aufs Neue. Es folgen Briefe im Liebestaumel. In den Aufnahmeunterbrechungen hören die beiden Schauspieler James Brown übers Handy und liegen gemeinsam auf dem Fußboden des Studios. Ist der Funke schon übergesprungen?

Ruth Beckmann ist mit diesem Film eine meisterhafte Parabel auf die Unvergänglichkeit des Leitmotivs Liebe gelungen. Ein verheirateter Celan in Paris und eine mit Max Frisch in Zürich lebende Bachmann sind der heutigen Realität von Polyamorie und inflationären Tinderdates näher als der zeitliche Abstand vermuten lässt. Das Doppelspiel aus faktischen Liebesbriefen und fiktiven Schauspielern, dargestellt wiederum von realen Schauspielern, enträtselt das Rätsel der Liebe und die Unüberwindbarkeit ihrer Grenzen. Der Spagat zwischen Fakt und Fiktion erzeugt in „Die Geträumten“ zugleich ein Knistern wie das der abbrennenden Pausenzigaretten: Sind die Schauspieler, sind Inge und Paul, nur die Geträumten?

„Die Geträumten“ wurde am Samstag, 23.4., im Odeon gezeigt und ist für den Publikumspreis nominiert.

 

Text: Johanna Dürrholz

Bild: IFFF Dortmund|Köln



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Der Beitrag wurde am Sonntag, den 24. April 2016 um 19:00 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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