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Leona Goldstein – Es war ein Geschenk, diese Frauen zu treffen

Bild: Guido Schiefer, IFFF Von der ersten Minute an stehen sie im Raum: die grausamen Parallelen zwischen dem Holocaust im Dritten Reich und dem Genozid in Ruanda. Regisseurin Leona Goldstein, die im Anschluss an die Vorstellung von „God is not working on Sunday!“ in einer Diskussionsrunde Fragen zum Film beantwortete, hat sich auch aus persönlichen Gründen dazu entschieden, das Thema immer wieder aufzugreifen. Leona Goldsteins Großvater überlebte selbst den Holocaust. „Die Frage, wie Menschen mit so etwas umgehen, hat mich beschäftigt“, beschreibt die Filmemacherin ihre Motivation, sich des Themas anzunehmen. In Ruanda selbst wird die Versöhnung zwischen Hutsi und Tutsi öffentlichkeitswirksam zelebriert, gewissermaßen vom Staat verordnet. Es gibt eine Menge ungeschriebener Vorgaben, wer sich wie zu den Geschehnissen während des Bürgerkriegs äußern darf. Wer sich nicht daran hält, läuft Gefahr, im Gefängnis zu landen. Die Versöhnung in Ruanda wurde und wird auch durch das Schweigen ermöglicht.

Die Weiße mit der Kamera

Die große Diskrepanz zwischen dem, was öffentlich gesagt und dem, wie die Situation von vielen Betroffenen empfunden wird, war für Leona Goldstein ein weiterer Ausgangspunkt ihrer Recherche. Ursprünglich wollte sie sich mit dem Parlament von Ruanda beschäftigen, in dem hauptsächlich Frauen vertreten sind. „Bei Gesprächen mit Politikerinnen habe ich aber bald festgestellt, dass diese nicht die Realität abbilden.“ Also beschloss Goldstein, ihrem Film einen anderen Schwerpunkt zu geben.

Für ihre Recherchen, die sie 2007 begann, lebte sie selbst insgesamt drei Jahre in Ruanda. Genug Zeit, das Land, die Kultur und die Menschen kennenzulernen, auch wenn sie für viele immer „die Weiße mit der Kamera“ bleibt, wie sie selbst sagt. Für Godeliève, eine der Protagonistinnen ihres Films, die sie erst am letzten Tag ihres Ruanda-Aufenthalts kennenlernte, gilt das nicht. „Es war ein Geschenk, sie zu treffen“, schwärmt die Filmemacherin. Auch mit Florida, einer weiteren Protagonistin, ist sie bis heute in Kontakt. „Die Einstellung der beiden, ihre Empathie gegenüber den Verbrechern, hat mich vom Hocker gehauen.“

An der Gesprächsrunde beteiligt war auch Karen Knipp-Rentrop, Referentin von medica mondiale e.V. Der Verein unterstützt die Frauenrechtsorganisation Sevota bereits seit 2008. Doch das ist nur ein Teil der Arbeit. „Die Situation ist auch für diejenigen, die helfen wollen, sehr belastend“, gibt sie zu bedenken. Deswegen sei es wichtig, auch denen zu helfen, die anderen ihre Unterstützung anbieten. Godeliève engagiert sich seit 20 Jahren. Erreicht hat sie mit ihrem Ansatz des Redens anstelle des Schweigens einiges.

„Gerade die Tatsache, dass nicht mehr geschwiegen wird, ist für die Frauen dort sehr wichtig“, sagt Knipp-Rentrop. Kommunikation spielte dann auch bei der Realisation des Films eine wichtige Rolle. Leona Goldstein reiste mehrmals zurück nach Ruanda, um den Frauen den Film in verschiedenen Vorversionen zu zeigen. „Dieses Machtverhältnis zwischen der Kamera und den Frauen sollte auf jeden Fall aufgelöst werden“, beschreibt sie ihren Wunsch, Frauen in ihrer Stärke zu zeigen. Deswegen war es ihr auch wichtig, gewisse Motive bewusst außen vor zu lassen.

Kein Platz für Klischees

„Ich wollte keine tanzenden Frauen in dem Film, das war mir zu klischeehaft, ich wollte auch keine weinenden Frauen zeigen“, sagt Leona Goldstein. Die Protagonistinnen sollten durch ihre Dokumentation nicht erneut zu Opfern gemacht werden. Die vielen langen Gespräche, die sie für den Film geführt hat, waren oft sehr intensiv. Es kam vor, dass die Filmemacherin so berührt von dem war, was die Frauen ihr erzählten, dass sie weinte. Ihre Gesprächspartnerin wirkte dann überrascht.

Diese persönliche Ebene, der Respekt vor den Protagonistinnen, ist es auch, was dazu beiträgt, dass der Film diese nicht erneut stigmatisiert. „Dieser Film reduziert die Frauen nicht auf die Gewalt, die ihnen angetan wurde. Er zeigt konkret die Entscheidungsfreiheit der Überlebenden: Was möchte ich erzählen? Und mit welchen Bildern soll das, was ich sage, hinterlegt werden?“, bringt Karen Knipp-Rentrop die Stärke der Dokumentation auf den Punkt.

Der Film lebt von seinen Bildern und damit von Goldsteins Gespür, die richtigen Momente mit der Kamera einzufangen. Denn oft hatte sie keine Übersetzerin und erfuhr erst beim Sichten des Materials, was genau in der Situation gesagt worden war. Manchmal war es auch umgekehrt. „Die Kinder der Theatergruppe zum Beispiel, die wollten unbedingt gefilmt werden.“ Dies gab Goldstein die Möglichkeit darzustellen, wie wichtig die Arbeit von Organisationen wie Sevota auch für die Kinder ist.

Viele von ihnen leiden an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Godeliève kämpft bis heute dafür, dass auch die Kinder der Täter Geld aus dem staatlichen Fond für Überlebende bekommen. Noch ist das nicht der Fall. Und die Gefahr, dass der Genozid jederzeit wieder neu aufflammen könnte, ist sehr realistisch, findet Goldstein. Deshalb wird Godeliève mit ihrer Arbeit weitermachen. Um es mit Floridas Worten zu sagen: „God is not working on Sunday, eh!” Am Ende sind sie selbst dafür verantwortlich, wie sie mit dem, was geschehen ist, umgehen.

Text: Vera Siebnich
Bild: Guido Schiefer, IFFF 



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Der Beitrag wurde am Sonntag, den 24. April 2016 um 18:00 Uhr veröffentlicht und wurde unter Hintergrundinfo abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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