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„Liebmann“ – Vom Versuch zu vergessen

IFFF2016_Liebmann_GodehardGiese_FotoSebastianEgert_1„Liebmann“ erzählt die Geschichte von Antek. Um mit seiner Vergangenheit abzuschließen, verschlägt es ihn von Deutschland nach Nordfrankreich. Schnell knüpft er erste Kontakte und findet einen Job auf dem örtlichen Flohmarkt. Dort lernt er Sebastien kennen, mit welchem er kurze Zeit später eine Affäre beginnt. Dennoch erlöst ihn die geografische Neuorientierung nicht von seinen Erinnerungen. „Liebmann“ – die Geschichte dieses Films ist individuell und gleichzeitig universal.

Im Fokus des Films steht die Verdrängung von Problemen, die sich erst lösen lassen, wenn man sich ihnen mit aller Aufmerksamkeit stellt. Zu Beginn des Films gibt es kaum Dialoge. Antek ist meist still. Auf Fragen, die seine Vergangenheit betreffen, geht er nicht ein. Erst im Prozess der Aufarbeitung seiner Erinnerungen werden die Gespräche lebhafter.

Dem Zuschauer bleibt lange verborgen, was Antek in Deutschland erlebt hat. Er ist nicht allwissend und kann verfolgen, wie sich allmählich alle Puzzleteile zu einem Bild zusammenfügen. Der Zuschauer wird dazu angeregt mitzudenken und das Gezeigte zu hinterfragen. Dadurch wird trotz der ruhigen Atmosphäre des Films die Spannung aufrechterhalten. Der Film hat einen psychologischen Schwerpunkt, darüber hinaus übermittelt er indirekt auch eine gesamtgesellschaftliche Botschaft, da der Protagonist homosexuell ist. „Liebmann“ ist aber nicht primär ein Film über Homosexualität.

Requisiten, Bildgestaltung und Inhalt sind auffallend gut aufeinander abgestimmt. Dem Protagonisten Antek fehlt jeglicher Halt. Im Kontrast dazu hat sich Regisseurin Jules Herrmann für eine strukturierte Anordnung von Objekten entschieden: Die Bilder in Anteks Haus hängen im gleichmäßigen Abstand zueinander an der Wand. Blumenmuster von Tapeten und Geschirr tauchen den ganzen Film über immer wieder in verschiedenen Szenen auf. Ebenso die Farbe Orange. In fast jeder Szene findet sich entweder ein Objekt oder Kleidungsstück, welches orange gefärbt ist. Auf diese Weise entsteht sowohl inhaltlich als auch gestalterisch ein roter Faden.

Im Anschlussgespräch sind Jules Herrmann und ihre Koproduzent/innen Torsten Reglin und Roswitha Ester selbst mit von der Partie. Das Feedback des Publikums ist durchweg positiv. Gelobt wird zum einen die Geschichte des Films und zum anderen die Arbeitsweise des Teams und der Regisseurin. Herrmann stemmte das Filmprojekt mit Eigenkapital und der Hilfe von Freunden. Dies war jedoch von Herrmann so gewollt, da ihr eine gewisse Unabhängigkeit sehr wichtig war. So war sie zum einen frei, was die Gestaltung und die Geschichte anging und zum anderen gab es keine Erwartung, die sie hätte erfüllen müssen. Erst später unterstützten sie Torsten Reglin und Roswitha Ester auf finanzieller Ebene. Trotz der minimalen finanziellen Ressourcen wirkt der Film professionell. Jules Herrmann erzählt, dass nur eine einzige Sequenz, die sie in den 15 Drehtagen aufgenommen haben, nicht in den Film aufgenommen wurde. „Liebmann“ – insgesamt ein tolles Experiment, das allen Beteiligten geglückt ist.

Ihr nächstes Projekt, verriet Herrmann, soll ganz anders werden, eher wissenschaftlich. Für Erstaunen sorgte die anschließende Erläuterung, dass sie sich in ihrem nächsten Projekt mit dem Hellsehen beschäftigt. Diese raren Hinweise lassen sehr viel Raum zur Interpretation. Bleibt abzuwarten, welches neue Werk Herrmann demnächst dem Publikum präsentiert.

Text: Lea Friedsam 

Bild: IFFF



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Der Beitrag wurde am Sonntag, den 24. April 2016 um 14:00 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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