Ein Projekt des Studiengangs Online-Redakteur
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Mut ist, Kamerateam und Freund zu sein

Polaroid: Florian Hoffmann, Arlette Wali-Kette und Katharina Diessner Für ihre Kameraarbeit wird Katharina Diessner beim diesjährigen IFFF der Nachwuchspreis für Bildgestalterinnen in der Sparte Dokumentarfilm verliehen. Zusammen mit Florian Hoffmann (Regie) drehte sie den Film „Arlette – Mut ist ein Muskel“. Sie begleiteten das 15-jährige Mädchen aus Zentralafrika während ihres Krankenhausaufenthalts in Deutschland – und waren dabei mehr als nur das Kamerateam. Die beiden erzählen uns etwas darüber, warum ein authentischer Film Respekt und Sensibilität verlangt und denken über das Frauenbild in der Filmbranche nach.

Ihr habt zusammen den Film „Arlette – Mut ist ein Muskel“ gedreht. Wie kam es zu eurer Zusammenarbeit an diesem Film?

Florian: Meine Kamerahandhabung ist ziemlich schrecklich. Also habe ich geguckt, wer in meiner Schule ist und in Frage kommen könnte. Die Wahl auf Katharina ist dann vor allem deswegen gefallen, weil wir erst mal eine Parallele dadurch hatten, dass wir beide Ethnologie studiert haben. Irgendwie hatte ich das Gefühl, es gab da ein gemeinsames Grundinteresse. Nicht die Volkskunde in Afrika, sondern das Grundinteresse an Menschen und dem Beobachten. Es gibt ja in der Ethnologie den Begriff der teilnehmenden Beobachtung. So in dieser Art und Weise. Damit konnte Katharina direkt etwas anfangen und wir sind uns auch sofort einig geworden, einen Film zu machen, der nicht direkt eingreift; der zwar versucht, nahe zu kommen, aber auch Raum lässt.

Das ist ja auch genau das, wofür du ausgezeichnet worden bist, Katharina.

Katharina: Ja, das freut mich auch, dass man das in dem Film später so sieht. Dass wir es geschafft haben, dieses Gefühl zu vermitteln. Gleichzeitig die Leute einzuladen, Arlette kennen zu lernen und ihr aber auch den Raum zu lassen, dass sie so sein kann wie sie sein möchte oder wie sie ist.

Florian: Ich muss sagen, ich bin total überwältigt von dieser Entscheidung. Ich hätte es ehrlich gesagt gar nicht erwartet, weil ich das Gefühl habe, in unserer heutigen Zeit – und auch beim Dokumentarfilm, der ja jetzt immer öfter entsteht und gefördert wird – geht es immer mehr um diese Bildgewalten und diese großen Bilder. Also, dass ein Film am Ende diesen Preis bekommt, der eigentlich so eine einfache Technik benutzt und, sagen wir mal, vom Ästhetischen her unspektakuläre Bilder macht, finde ich total toll. Das ist für mich auch ein Signal für einen Weg in eine gesunde Filmwirtschaft, wo man nicht einfach auf die Oberfläche guckt, sondern auch entdeckt, was Bilder noch schaffen können außer tollen Kranfahrten und Cinemascope und was weiß ich. Die Entscheidung sagt ja auch etwas über die Jury aus. In der Begründung steckt ganz klar: Hier wird nicht nur beurteilt, was im Bild geschieht, sondern was die Kamerafrau geschafft hat, um dorthin zu kommen. Bei der Kamera von Arlette spürt man, was da gelungen ist; nämlich diese Nähe und die Beziehung aufzubauen. Das fand ich sehr sensibel.

Sensibilität habt ihr beide bei dem Film bewiesen.

Katharina: Ich glaube, man muss einfach ein, zwei Mal solche Projekte machen. Ich habe noch nie so viel gelernt oder konnte das einbringen, was ich gelernt habe und von dem ich gar nicht wusste, dass ich es kann. Wie zum Beispiel so eine intensive Zusammenarbeit. Generell glaube ich, dass ich vorher noch nie mit jemandem so gut zusammengearbeitet habe wie mit Florian. Von Beginn an habe ich ein starkes Vertrauen entgegnet bekommen, und das war die Basis, von wo wir alles gemeinsam gemeistert haben. Bei all dem, was uns dann vielleicht in den Weg gelegt wurde – sei es, dass das Projekt nicht von Seiten der Schule gefördert wurde oder technische Probleme – hatte ich immer das Gefühl, dass wir das schon lösen können, weil wir beide zusammenhalten. Wir haben immer eine Lösung gefunden, die jetzt nicht nur eine Problemlösung war, sondern im Sinne der Geschichte.

Florian: In dem Projekt steckte ja auch eine sehr große, auch menschliche Verantwortung. Also, es gab ja diesen Film und es gab diese Kamera. Wir mussten aber auch gleichzeitig für Arlette da sein. Letztendlich waren wir die einzigen Betreuer, die dauernd  bei ihr waren. Und ich glaube, wir hatten auch noch mal eine andere Notwendigkeit dadurch. Uns war relativ schnell klar, dass wir das nur zu zweit schaffen können, wenn wir zusammenhalten. Also, ich hätte es alleine nicht geschafft. Den Film sowieso nicht, aber auch diese Zeit mit Arlette durchzustehen. Ich habe Katharina bestimmt genauso oft wegen seelischer Dinge angerufen wie wegen technischer. Wenn ich mit Arlette nicht weiter wusste oder einfach am Ende war. Und da wussten wir beide, dass da immer ein offenes Ohr für den anderen war. Das Besondere an Katharinas Arbeit war, dass sie vom ersten Moment an, in dem sie Arlette kennen gelernt hat, eine Beziehung zu ihr aufgebaut hat. Sie hat sich nicht – wie es ja doch viele Kameraleute verständlicherweise tun – hinter ihrer Kamera versteckt, nach dem Motto „Ich bin Kamerafrau und meine Aufgabe ist es, ein gutes Bild zu schießen“, sondern war direkt eine Person für Arlette. Und das ist auch auszuhalten. Ich meine, Arlette – man sieht das im Film – ist auch kein einfacher Mensch. Ein pubertierendes Teenagermädchen, das auch mal eifersüchtig ist und auch mal auf Katharina eifersüchtig war. Das sich natürlicherweise auch so ein bisschen ausprobiert.

War es denn eine bewusste Entscheidung von dir, Katharina, dass du eine persönliche Beziehung zu Arlette aufbaust und dich nicht hinter deiner Kamera versteckst?

Katharina: Ich glaube, das war eine Grundvoraussetzung in dieser ganzen Konstellation. Das war schon von Anfang an auch so gedacht, dass man mich hinter der Kamera nicht als Person wahrnimmt, ich Arlette aber trotzdem begleite. Ich glaube, das geht gar nicht anders. Oder ich kann es mir gerade nicht anders vorstellen. Das ist einfach nur fair, dass ich nicht sage: „Ich bin gar nicht hier, hier ist so ’ne Kamera und ich beobachte dich die ganze Zeit.“

Florian: An Katharina ist sehr besonders, dass sie von vornherein darauf besteht, eine Beziehung zum Protagonisten einzugehen und zu haben. Ganz oft sagt man bei dem Film, man würde gar nicht spüren, dass die Kamera im Raum ist und dass dahinter jemand ist. Aber ich glaube, es ist eigentlich genau das Gegenteil. Man spürt einfach von Anfang an, dass es eine Beziehung zwischen Arlette und dieser Kamera gibt. Eine sehr freundschaftliche und sehr friedliche Beziehung. Und deswegen fühlt man sich als Zuschauer, wenn man durch diese Kamera Arlette sieht, als jemand, der in diesem Raum sein darf. Das hat sehr viel mit Katharina zu tun, dass sie sozusagen ein willkommener Gast war – und kein neutraler.

Wo befand sich für euch die Grenze, wann wart ihr ein Filmteam und wann nur Freunde für Arlette?

Florian: Es gab oft Momente, in denen die Kamera einfach beiseite gestellt wurde. Im Film gibt es auch einen Punkt, so zum Ende hin, wo sie gar nicht mehr angeschaltet wurde oder nur noch sehr sporadisch. Es gibt da eine Art Leerstelle, in der ich als Kommentator erzähle, was im letzten Viertel mit Arlette passiert. In einem Moment, in dem die Lage von Arlette so schwierig wurde, dass andere Dinge wichtiger wurden, als jetzt Bilder davon zu machen. Als ich eine Zeit lang weg war und nur Katharina bei Arlette blieb, hat sie mal nicht so viel gedreht. Sie hat die Zeit genutzt, um mit ihr Dinge zu unternehmen und sie von schlechten Nachrichten von Zuhause abzulenken. Ich weiß noch, als ich wiedergekommen bin und gesehen habe, dass die Kamera relativ wenig gelaufen war, war ich ein wenig wütend. Ich habe gesagt: „Du warst doch jetzt hier und hättest doch drehen müssen“. Als ich im Schnitt dann gesehen habe, was Katharina gedreht hat, und ich in den nächsten Tagen auch gesehen habe, wie es Arlette geht, da habe ich das verstanden. Und ich finde, das ist auch eine Qualität von einer Kamerafrau – zu sehen: Hier ist der Moment, wo nicht mehr gedreht werden sollte und was anderes wichtiger ist als das Bild.

Denkst du, Florian, dass du deswegen nach einer weiblichen Kamerafrau Ausschau gehalten hast?

Florian: Auf der einen Seite hat das einen ganz praktischen Grund, denn wenn man auch in anderen Ländern dreht, dann ist das schon gut, dass beide Geschlechter vor Ort sind. Es gibt doch immer Räume, in denen mal eine Frau und mal ein Mann an die Kamera muss. Also ist es nie schlecht, beide da zu haben. Und dann würde ich sagen, dass ich es aus meiner Erfahrung heraus – aber das liegt wirklich nur an meiner Erfahrung – bisher immer angenehmer fand, mit Kamerafrauen zu arbeiten. Das hat vielleicht auch etwas damit zu tun, dass ich bisher einem bestimmten Typus von Kameramann begegnet bin, den ich jetzt nicht so interessant fand. Auch an meiner Filmhochschule begegne ich sehr vielen Kameramännern, die sehr viel Zeit damit verbringen zu beeindrucken. Die sehr darauf bedacht sind, dass ihre Arbeit bildgewaltig ist. Ich hatte öfter das Gefühl, ich habe in Kamerafrauen einen etwas sensibleren und weniger eitlen Partner gefunden.

Katharina: Gerade bei der Zusammenarbeit mit einem jungen Mädchen ist das eine Basis, so nah zu kommen und so viel Vertrauen aufzubauen.

Denkt ihr denn, dass noch andere Männer diese Vorteile sehen?

Katharina: Das Gängigste ist ja, dass sie meinen, dass man einen anderen Blick auf die Geschichte hat oder – ich sage mal – eine größere Empathie verspürt. Und tatsächlich sind Männer und Frauen nunmal unterschiedlich. Sonst wären wir ja Schnecken oder Zwitter. Man sucht sich schon immer einen Gegenpol. Ich würde sagen, die erste Generation hatte es bedeutend schwerer, sich einen Ruf zu erarbeiten oder auch ernst genommen zu werden. Ich empfinde es so, dass es inzwischen eine andere Generation von Produzenten und Regisseuren gibt, mit einem anderen Selbstverständnis. Trotzdem geht es ja immer auch um Konkurrenz. Im Spielfilm muss man immer beweisen, dass man mit dem Budget umgehen kann, ein Team führen und Licht setzen. Auch bei Kameramännern wird geguckt, ob sie das können. Aber als Frau muss man in diesen technischen Bereichen Sicherheit vermitteln. Weil viele noch in den Stereotypen denken: Sie sprechen einem vielleicht eine gewisse Sensibilität zu, auf der anderen Seite denken sie, die sei dann automatisch mit weniger Technikwissen verbunden.

Wurdest du schon benachteiligt, weil du eine Kamerafrau bist?

Katharina: Hm … meine persönlichen Erfahrungen sind jetzt nicht so, auch wenn der Film immer noch eine Männerdomäne ist. Ich war immer eine der wenigen Frauen in der Technik, aber ich habe mich auch immer gefreut, wenn mal mehr Frauen dort waren. Sei es eine Beleuchterin oder eine Kameraassistentin. Der Punkt, den Florian vorhin beschrieben hat, ist schon ein ganz wichtiger, besonders beim Dokumentarfilm. Aber auch beispielsweise beim Spielfilm kann es die Erzählweise beeinflussen, ob man als Frau in einem intimeren Ambiente teilnimmt oder als Mann. Meiner Meinung nach muss dabei generell eine Sensitivität herrschen, egal ob man jetzt ein Mann oder eine Frau ist.

Oder liegt es vielleicht auch daran, dass Frauen weniger zugetraut wird, weil die Leute sie als schwächer und kleiner ansehen?

Florian: Dieses Problem gibt es so gar nicht mehr. Wegen der modernen Technik.

Katharina: Es gibt auch kleine Männer. Und ich habe mehr Männer mit Rückenschäden kennengelernt als Frauen (beide lachen). Das ist eher eine Frage des gemeinsamen Arbeitens. Und die Technik arbeitet einem da auch zu; dadurch, dass sie immer leichter wird und es viele Hilfsmittel gibt, so dass es nicht mehr um Kraft geht.

Trotz allem sind Frauen noch stark unterbesetzt. Im Durchschnitt haben zum Beispiel nur bei rund 15 % der im Film und Fernsehen präsentierten Filme Frauen Regie geführt.

Florian: Ich kenne das eher so aus dem Lehrbetrieb. Zum Beispiel ist die dffb sehr fortschrittlich in den Zahlen, die sie aufnimmt. In den letzten Jahren sogar mehr Kamerafrauen als -männer.

Katharina: Es gibt einen Lehrgang nur mit Kamerafrauen.

Florian: Aber ich meine, das kann ja nicht ausreichen. Wenn man nämlich dann bei der dffb oder anderen Schulen in die Lehre guckt, dann ist die wieder komplett männerdominiert. Und meiner Meinung nach auch von einem gewissen Typus von Mann. Seit Sophie Maintigneux und Isabel Casez fällt mir keine Frau ein, die da Hauptseminare geleitet hat.

Habt ihr denn das Gefühl, dass bei der Förderung explizit für Frauen noch etwas getan werden muss?

Katharina: Ich glaube es ist nie verkehrt (lacht), weiter zu fördern, solange das auch immer wieder ein Thema ist und die statistischen Zahlen so bleiben. Aber eigentlich wäre es schön, wenn man das dann nicht nur auf die eine Seite schlägt, sondern eher auch den Dialog sucht. Ich würde mir wünschen, dass es irgendwann keine Rolle mehr spielt, ob man nun ein Mann oder eine Frau ist, sondern dass man sich eher als Künstler oder Filmschaffender gegenübertritt und sich die Persönlichkeiten ergänzen.

Vielen Dank für das Interview!

„Arlette – Mut ist ein Muskel“ läuft am Sonntag, den 24.04. um 16 Uhr in der Filmpalette.

Interview: Mendy Stoll
Foto: Katharina Diessner (privat) 



Der Beitrag wurde am Sonntag, den 24. April 2016 um 15:08 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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