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Songs my brothers taught me: „Sieh‘ einfach zu, dass du von hier wegkommst!“

IFFF2016_Songs my Brothers taught meDas Pine Ridge Reservat gilt als Symbol für die prekäre Situation der nativen Bevölkerung in den USA. Die Regisseurin Chloé Zhao hat die Bewohner über viele Jahre hinweg besucht und schließlich einen Film über das Leben in Pine Ridge gemacht. „Songs my brothers taught me“ ist die Geschichte der Geschwister Jashaun und Johnny, die ihr Leben in South Dakotas bekanntestem Reservat fristen. Das für den Debüt-Spielfilmwettbewerb nominierte Drama erzählt auf poetische Weise von einer jungen Generation in der von alten Problemen befallenen Peripherie.

Feuertod

Das Holzhaus ist abgebrannt. Einige Trümmer rauchen noch, das Gras ringsum ist verkohlt. Eingefallene Möbelstücke recken ihre verstümmelten Gliedmaßen aus den Schutthaufen empor. Jashaun steht stumm vor den Überresten des Hauses und zieht die Schultern in ihrer viel zu großen Jeansjacke ein. Der sackförmigen Jacke ihres Vaters, der in dem Haus, in dem Feuer, umgekommen ist. Während dicke Tränen unter ihren gesenkten Wimpern hervorquellen, stapft das Mädchen vorsichtig in die Trümmer. Ihr Jackenärmel vermag die noch glimmende Glut nicht zu löschen, den Rauch nicht zu vertreiben. Dafür muss sie nicht lange suchen. Ein ramponierter Karton beherbergt etwas, das einmal rosafarben und blümchenverziert gewesen sein könnte. Jashaun nimmt ihre Sachen mit. Konserviert in Asche.

Der Traum von einem besseren Leben

Die 11-jährige Jashaun und ihr großer Bruder Johnny sind die Hauptfiguren in Chloe Zhaos Spielfilm „Songs my brothers taught me“ (2015). Die beiden leben gemeinsam mit ihrer Mutter im Pine Ridge Reservat in South Dakota und haben, wie sich auf der Beerdigung ihres Vaters herausstellt, mehr als 20 Halbgeschwister von neun verschiedenen Müttern, darunter auch Klassenkameraden von Johnny. Johnny, der gerade die Highschool beendet, will in der Hoffnung auf ein besseres Leben seine Freundin nach L.A. begleiten, die dort aufs College gehen soll. Das nötige Geld verdient er sich durch Handel mit Alkohol und Drogen dazu. Doch der bevorstehende Aufbruch plagt Johnnys Gewissen: Kann er seine geliebte Schwester allein zurücklassen? Bei einer Mutter, die den Tag verschläft und den Abend versäuft? In einem Reservat, dessen Bewohner nahezu alle mit Alkohol- und Drogensucht kämpfen? In dem es beinahe täglich Verhaftungen gibt?
Auch der plötzliche Tod des Vaters erschüttert Johnnys Vorhaben, auch wenn dieser stets abwesend war. Als Jashaun von den Plänen ihres Bruders erfährt, weil sie ihn und seine Freundin belauscht, ist sie am Boden zerstört: „Wie kannst du mich verlassen?“

„Songs my brothers taught me“ erzählt vom täglichen Leben im bekannten Pine Ridge Reservat und wird getragen von Laienschauspielern, die alle selbst aus dem Reservat stammen. Gepaart mit dokumentarisch anmutendem Erzählduktus entsteht so eine besondere Form von Authentizität. Dabei folgt die Erzählung keinem herkömmlichen narrativen Muster. Die Episoden aus Jashauns und Johnnys Leben werden zwar vorrangig linear erzählt, sind aber nur lose miteinander verknüpft. Während Johnny sich einen Truck für die Reise kauft und das Reservat mit Alkohol aus einem nahegelegenen Pub versorgt, streift Jashaun ziellos durchs Reservat. Mal hilft sie einem marihuanaabhängigen Ex-Alkoholiker beim T-Shirt-Verkauf, dann wieder besucht sie ihren Halbbruder, der Rodeoreiter ist, genau wie ihr gemeinsamer Vater.

Ergreifend poetische Szenen

Obwohl die Situation im Reservat trostlos und die mentale Verfassung vieler Bewohner prekär ist, wird kein genuin negatives Bild vom Pine Ridge Reservat gezeichnet. Im Gegenteil, für die Einwohner ist es ihre Heimat. „Jashaun liebt es“, erzählt Johnny an einer Stelle. Eindrucksvolle Landschaftsaufnahmen des Heartlands erzeugen, unterstützt durch die ausdrucksstarken und glaubwürdigen Darsteller, eine beinahe ursprüngliche Atmosphäre. Ergreifend poetische Szenen von jungen Männern, die auf halbwilden Pferden in den Sonnenuntergang galoppieren, beleuchten die einzigartige Schönheit der Prärie. Dennoch ist der Film fern von jeglicher romantisierenden Westernstory. Armut, Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit sind allgegenwärtig.

Und doch steht dem Mangel an Perspektive die überwiegende Zahl Jugendlicher gegenüber, die das Reservat bevölkert. Der Zusammenhalt unter den Jugendlichen, die häufig ohnehin miteinander verwandt sind. Der Ausdruck von Emotionen untereinander, Gesten der Freundschaft und Vertrautheit. Wovon träumen diese Jungen? Was wollen sie werden? Dieser Frage geht der Film nach, beleuchtet Wünsche und Ängste der jungen Generation, die es wagt, inmitten von Ausweglosigkeit und Not zu träumen.

Kann man seiner Herkunft entfliehen?

„Sieh‘ einfach zu, dass du hier wegkommst“, rät Johnnys Bruder, der im Gefängnis sitzt. Doch Weggehen bedeutet nicht gleichsam ein Entrinnen aus der Vergangenheit. Kann man seiner Herkunft entfliehen? In einer Schlüsselszene des Films wiegt die weinende Mutter ihre Tochter Jashaun in den Armen und erzählt aus ihrer eigenen Kindheit. „Ich wusste von da an, dass ich die Verantwortung übernehmen muss. Erwachsen sein muss. Ich wünsche mir, dass es dir anders ergeht.“ In diesem Moment erblickt Jashaun ihren großen Bruder Johnny.

„Songs my brothers taught me“ lief am Freitag, 22.04., im Odeon. Der Film ist im Debüt-Spielfilmwettbewerb nominiert.

Text: Johanna Dürrholz
Bild: IFFF



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Der Beitrag wurde am Sonntag, den 24. April 2016 um 02:00 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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