Ein Projekt des Studiengangs Online-Redakteur
an der Technischen Hochschule Köln
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Talk to me: Ramponierte Liebe und Rebel Girls

IFFF2016_Talk to meWas geschieht, wenn ein Protagonist beginnt, in den Raum hinter der Kamera einzugreifen – und sich in die Filmemacherin verliebt? Warum wird Papst Johannes Paul II. auch elf Jahre nach seinem Tod in Polen noch verehrt wie ein Popstar? Und wer ist eigentlich Angela Davis? Vor diese Fragen stellte die Filmpalette im Eigelstein-Viertel ihre Zuschauer_innen am Freitagabend – mit dem Kurzfilmprogramm „Talk to me“.

Crystal Lake

Sommer, irgendwo in der US-amerikanischen Provinz: Eine Horde arschcooler Girls hält einen Skatepark besetzt. Mitmachen darf hier höchstens, wer weiß, wer Angela Davis war – was in der Konsequenz für Protagonistin Ladan und ihre Peers bedeutet: zero boys.
Gnadenlos gute Role Models sind die übrigens, mit ihren im Wind flatternden Hidschabs und klugen Gedanken. Denn statt sich von den Teenage-Machos den Park streitig machen zu lassen, ziehen sie auf ihren Bords lieber ein paar Curbs gerade. Unweigerlich kommt einem da das Lied der US-amerikanischen Riot-Grrrl-Band Bikini Kill in den Kopf: „That girl she holds her head up so high […] / when she talks, I hear the revolution.“
„Crystal Lake“, der 20-minütige Kurzfilm der aus Ohio stammenden Filmemacherin Jennifer Reeder, ist eine berührende Fürsprache für den feministischen Punk, inklusive Selbst-Empowerment, DIY-Kunst und Frauensolidarität.

Figura

Seit elf Jahren ist Papst Johannes Paul II. nun schon tot, doch noch immer gilt für sein Geburtsland Polen: Kein Ort ohne Johannes-Paul-Straße, keine Kirche ohne Foto von ihm. Wie eine Ikone verehren seine Landsleute ihn – seine Heiligsprechung im Jahr 2014 hat das bloß noch befeuert. Welche surrealistischen Formen diese religiöse Bewunderung annehmen kann, zeigt „Figura“, der neunminütige Kurzfilm der jungen polnischen Regisseurin Katarzyna Gondek. Sie begleitet die weltgrößte Papst-Statue, die – in ihre Einzelstücke zerlegt – auf dem Rücken von Sattelschleppern durch die polnische Provinz gefahren wird, bis hin zu dem Ort, wo der Koloss, der „Riesen-Paul“, errichtet wird: im Sakralbauten-Park von Tschenstochau. „Figura“ ist eine verstörende Aufnahme religiöser Vergötterung und entlarvt die Vormachtsstellung weißer Männlichkeit in der katholischen Kirche auf subtil-humoristische Weise: der Papst als Riesen-Phallus, der in den Himmel sticht.

Talk to me (Mów do mnie)

Wie nahe darf eine Dokumentarfilmerin ihrem Protagonisten kommen? Wie viel Einfluss darf sie auf ihn haben? Und was geschieht, wenn dieser aus seiner Rolle des Beobachteten ausbricht und in den Raum hinter der Kamera greift? „I have feelings for Marta“, bekennt der 21-jährige Chris, der in einem Rehabilitationszentrum in Warschau gegen seine Drogensucht kämpft, gegenüber seiner Therapeutin – das Heikle an der Sache: Marta ist die Filmemacherin, die ihn bei seinem Entzug begleiten möchte.
In den nun folgenden rund 45 Film-Minuten wird sich zwischen Marta und Chris eine intime wie auch ramponierte Liebesbeziehung entwickeln, ramponiert vor allem durch das ständige Ringen zwischen Nähe und Distanz, zwischen Clean-Bleiben und nächstem Drogenrausch. Interessant ist dabei vor allem, wie die Zuschauer_innen durch die aufgelösten binären Raumkategorien von „vor“ versus „hinter“ der Kamera in die Geschichte hineingezogen werden – und schließlich selbst urteilen: über Manipulationsversuche, Tränen und all die Konsequenzen, die es hätte, würden beide ihren Herzen folgen.

 

Text: Philippa Schindler

Bild: IFFF Dortmund|Köln



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Der Beitrag wurde am Sonntag, den 24. April 2016 um 17:00 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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