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„Ich bin Feminist_in – holt mich hier raus!“: Schuld sind die Anderen

csm_WS_voelker_trinkaus_1461f87bd8Spätestens seit der Kölner Silvesternacht werden Frauenrechte instrumentalisiert, um eine Differenz heraufzubeschwören – zwischen der vermeintlichen eigenen Aufgeklärtheit und dem als rückständig konstruierten „Anderen“. Doch wer spricht da und wer sind diese Frauen, die als das zu schützende Gut staatlichen (oder privaten) Handelns gesehen werden? Welche Antworten kann die feministische Linke darauf geben? Susanne Völker, Leiterin der Gender Studies an der Uni Köln, und der Medien- und Kulturwissenschaftler Stephan Trinkaus gaben bei ihrem Vortrag am Samstagnachmittag neue Denk-Impulse.

Eines vorweg: In Deutschland gab es auch schon vor der Kölner Silvesternacht etwas, was in feministischen Debatten und an sozialwissenschaftlichen Instituten als „Rape Culture“ bezeichnet wird, eine „Vergewaltigungskultur“. Gemeint ist eine Gesellschaft, in der sexuelle Gewalt in hohem Maße vorkommt, in der Öffentlichkeit aber geduldet und relativiert wird. Das zeigen unter anderem die Hashtag-Kampagne #aufschrei, bei der Frauen auf alltäglichen Sexismus aufmerksam machen, oder die Online-Initiative „hollaback“, die sexistische Übergriffe sammelt und Betroffene supportet. Denn ja, häufig werden Betroffene für die Taten mitschuldig gemacht – wie beispielsweise im Januar 2016, als die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker Frauen empfahl, eine Armlänge Abstand zu Fremden zu halten.

„Othering“: Die Anderen sind Schuld

Doch in der öffentlichen Debatte über die Ereignisse in der Kölner Silvesternacht geht es längst um mehr als nur die generelle Zurückweisung sexualisierter Gewalt. Gerade bei der Suche nach vermeintlichen Tätern wird eine kulturelle Differenz konstruiert, die der eigenen scheinbar aufgeklärten Gesellschaft eine als rückständig markierte Kultur der „Anderen“ entgegengesetzt. Sexismus wird so zum Importprodukt der sogenannten „Flüchtlingskrise“ – und Frauen zum schutzbedürftigen Gut vornehmlich staatlichen Handelns.

Doch wer spricht da und welche „Frauen“ sind überhaupt gemeint? Wie können feministische Antworten auf das „Othering“, die Verschränkung von sexistischen und rassistischen Konstruktionen, aussehen? Mit diesen Fragen beschäftigten sich Susanne Völker, Leiterin der Gender Studies an der Uni Köln, und der Medien- und Kulturwissenschaftler Stephan Trinkaus in ihrem Vortrag „Ich bin Feminist_in – holt mich hier raus!“ am Samstagnachmittag im Alten Pfandhaus.

Goodbye, white man!

Kernstück ihres Vortrages war die Annahme, dass die jahrhundertelange Hegemonie der weißen Männlichkeit in Europa ins Wanken kommt – ausgelöst durch tiefgreifende kulturelle und gesellschaftliche Veränderungen. Dadurch entstünde, so Völker und Trinkaus, ein Prozess der Dezentralisierung: Der weiße Mann gerät ins Abseits. Doch dieser Wandel zieht nicht nur positive Potentiale der Neuorientierung nach sich, sondern bei vielen auch das Bedürfnis, die bestehende Ordnung zu konservieren.

Ausdruck dieser Abwehrreaktion sei unter anderem, so die Vortragenden, der Rechtspopulismus der AfD, diese patriotisch-verblendete Ignoranz, mit der Björn Höcke das Deutschlandfähnchen über seine Armlehne bei Günther Jauch legte. Ausdruck sei aber auch der neue Anti-Genderismus, der sich seit einigen Jahren durch die Feuilletons ziehe und Gender Studies als pseudowissenschaftliche Bedrohung gegenüber vermeintlich glasklaren Gewissheiten diffamiere.

Was das mit der Kölner Silvesternacht zu tun hat? Eine ganze Menge, wenn man bedenkt, wie selbsternannte Frauenrechtler_innen nach der Silvesternacht die Verschärfung des Asylrechts skandierten. Und wie mit den zu schützenden „Frauen“, von denen plötzlich überall die Rede war, vor allem eine Gruppe gemeint war: weiße Frauen, deutsche Frauen, „unsere Frauen“.

Wie wir leben wollen.

Doch welche Antworten kann eine feministische Linke auf diese gesellschaftlichen Veränderungen geben? Die Erklärungen, die Susanne Völker und Stephan Trinkaus auf diese Frage lieferten, blieben am Samstagnachmittag noch abstrakt. Dagegen halten, wäre vielleicht der Appell, den man ihren Ausführungen entnehmen könnte – Rassismus und Sexismus entschieden ablehnen, Ursachen benennen und sich dafür einsetzen, dass die Welt, die wir teilen, lebenswert bleibt.

Text: Philippa Schindler

Bild: IFFF Köln Dortmund 2016



Der Beitrag wurde am Dienstag, den 26. April 2016 um 10:30 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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