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„Arlette – Mut ist ein Muskel“: eine angenehm unspektakuläre Dokumentation

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Florian Hoffmann erzählt in seiner Dokumentation „Arlette – Mut ist ein Muskel“ die Geschichte von Arlette: einem 15-jährigen Mädchen, das zur Behandlung einer alten Schusswunde nach Berlin gebracht wird. Fernab ihrer Heimat, der Zentralafrikanischen Republik, muss sich die Jugendliche in einer völlig fremden Umgebung zurechtfinden. Hoffmann und Kamerafrau Katharina Diessner haben mit viel Feingefühl ein authentisches und angenehm unspektakuläres Werk geschaffen.

Die erste Szene in der Dokumentation „Arlette – Mut ist ein Muskel“ stammt aus einem anderen Film: In „Carte Blanche“ sieht man ein fünfjähriges Mädchen in Zentralafrika, das vor Schmerzen schreit und weint. Es hat eine schwere Schussverletzung am Knie, die nur mit einem pflanzlichen Aufguss ausgewaschen wird. Das ist Arlette.

Zehn Jahre später ist die Wunde immer noch nicht gut verheilt und eitert. Als ein Lehrerpaar die Aufnahmen des schwer verwundeten Mädchens sieht, beschließt es, die Behandlung der mittlerweile 15-Jährigen in Deutschland zu finanzieren. Auf die Frage, ob sie mit nach Deutschland möchte, antwortet Arlette in ihrer Muttersprache Sango: „Mut ist ein Muskel.“

Arlette reist also aus ihrem kleinen Dorf ins weit entfernte Berlin. Eine fremde Stadt mitten im Winter, eine andere Welt und Menschen, die nicht ihre Sprache sprechen. Auf ihrem Abenteuer begleiten sie der Regisseur Florian Hoffmann und die Kamerafrau Katharina Diessner. Zunächst sollten die Aufnahmen nur eine Art Tagebuch werden, erst später beschloss Florian Hoffmann, daraus einen Film in Form einer Montage zu machen. Der Film sollte aber nicht nur dokumentieren, sondern Arlettes Geschichte erzählen. Und genau das ist auch gelungen. Die Kamera ist in jeder Situation dabei, egal ob Arlette gerade schläft, tanzt oder weint. Dadurch verschwindet die Kamera für den Zuschauer mit der Zeit. Dass sich dahinter noch ein Mensch befindet, vergisst man komplett. Gerade Arlettes Unerfahrenheit mit dem Medium Film machte diese Aufnahmen vermutlich überhaupt erst möglich. Sie interessiert sich nicht dafür, wie sie vor der Kamera wirkt. Dadurch kann sie mit einer absolut erfrischenden Natürlichkeit und Authentizität vor der Kamera agieren. Erstaunlich ist dabei, dass das Filmteam nie in die Handlung eingegriffen und nichts inszeniert hat. Umso mehr überraschen Momente, die einfach perfekt eingefangen wurden und zum Teil auch so skurril wirken, dass sie wie von einem Drehbuch vorgegeben scheinen.

Wie Katharina Diessner und Florian Hoffmann in einem Interview erzählen, entwickelte sich eine enge Bindung zu Arlette, wodurch sich die beiden Filmemacher häufig im Konflikt zwischen ihrer Rolle als Beobachter und als Vertraute Arlettes sahen. Eigentlich wollten sie nie vor der Kamera zu sehen sein, jedoch gab es Momente, in denen das Zwischenmenschliche Vorrang bekam. So kommt auch Florian ins Bild – zum Beispiel als Arlette erfahren hat, dass die Rebellen erneut ihr Dorf überfallen und ihren Vater schwer verletzt haben. Auf diese Situation folgt eine Schwarzblende, die in dem Moment auch absolut angebracht scheint. Die Produktion dieser Dokumentation verlangte Florian und Katharina ein unglaubliches Feingefühl ab. Auf der einen Seite wollten sie Arlettes Geschichte möglichst authentisch begleiten und schreckten dabei nicht vor sehr emotionalen oder auch abschreckenden Bildern zurück, wie zum Beispiel während der Operation. Auf der anderen Seite darf man nicht vergessen, dass hier ein junges Mädchen begleitet wird, dem die Reise sicherlich Angst macht und das in manchen Situationen Unterstützung braucht – nicht durch eine Kamera, sondern durch mitfühlende Menschen.

Wer dem Zuschauer aber trotz vieler Momente der Trauer, Angst und Unsicherheit ein positives Gefühl gibt, ist Arlette. Sie genießt es sichtlich, endlich schmerzfrei zu sein, und haucht den statischen Kameraeinstellungen Leben ein. Obwohl sie meist in der kühlen, kargen Krankenhausumgebung zu sehen ist, strahlt jedes Bild Lebensfreude aus. Der Zuschauer schließt Arlette ins Herz, erlebt das Geschehene mit ihren Augen und muss häufig herzhaft mit ihr lachen. Viele Momente benötigen überhaupt keine Worte, sondern erzählen mit Arlettes Mimik und intensiver Körpersprache ihre eigene Geschichte. Das junge Mädchen verzaubert alle in ihrer Umgebung. Unglaublich persönlich und nah am Geschehen werden die kleinen Freundschaften erzählt, die Arlette zu den Personen um sich herum aufbaut: sei es zur Krankenschwester, die mit einer herrlichen offenen Art und Berliner Schnauze versucht, Arlettes Sprache zu lernen, zu Dagmar, einer älteren Mitpatientin, der Arlette erstmals ihre Geschichte anvertraut, oder zum Physiotherapeuten, der ihre Lieblingsmusik zum Training spielt. Sprachbarrieren werden hier mit viel Herz, Geduld und Humor überwunden.

Was wirklich in Arlette vorgeht, wird vor allem in den kurzen Skype-Gesprächen mit ihrer Familie deutlich. Nur hier lässt sie auch mal Frustration und Wut zu. Als die Mutter mit wütender Stimme von Arlette verlangt, dass diese in Europa bleibt, da es in der Heimat zu gefährlich sei, ist das auch für den Zuschauer wie ein Schlag ins Gesicht. Alle Flüge in Arlettes Heimat werden wegen der Rebellen zunächst gestrichen. Arlette ist sich jedoch sicher: Sie möchte zurück zu ihrer Familie.

„Arlette – Mut ist ein Muskel“ ist ein Experiment. Ein Versuch, ein Schicksal auf eine angenehm unspektakuläre Weise dokumentarisch mit der unsichtbaren Kamera zu begleiten. Gerade durch diese Zurückhaltung wird der starken Protagonistin Arlette der nötige Spielraum gelassen, größtenteils ohne Worte ihre Geschichte selbst zu erzählen.

 

Text: Lia Hermanns

Foto: IFFF Dortmund|Köln



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Der Beitrag wurde am Mittwoch, den 27. April 2016 um 01:28 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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