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Hinter den Kulissen: Die Übersetzerinnen

Lilian-Astrid Geese in einer Sprecherkabine; Guido Schiefer, IFFFSie sitzen hinter den Zuschauern, in einer Kabine oder der Ecke des Kinos, kaum sichtbar und unauffällig. Aber ihre Stimmen füllen den Raum und begleiten uns durch unseren Kinobesuch. Ohne sie könnten wir nur Filme aus den Ländern verstehen, deren Sprache wir sprechen. Fünf Frauen machten es sich beim diesjährigen IFFF zur Aufgabe, den Zuschauern Filme jeglicher Originalsprache zu übersetzen. Lilian-Astrid Geese ist die Koordinatorin des Teams und erlaubt uns einen Einblick in den spannenden Job der Übersetzerinnen.

Frau Geese, Sie sind die Koordinatorin der Übersetzerinnen beim IFFF. Welche Aufgaben haben Sie?

Wir sind fünf Übersetzerinnen und Dolmetscherinnen, die in diesem Jahr für die Übersetzung von etwa 25 Filmen zuständig waren. Ich koordiniere das Ganze, wozu eben auch gehört, die Frauen den Filmen zuzuordnen, die gut passen. Dieses Jahr ist Mexiko der Länderschwerpunkt, das heißt, dass diejenigen von uns an diesen Filmen arbeiten, die Spanisch als Arbeitssprache haben. Es bringt hingegen nichts, wenn eine Übersetzerin kein Französisch kann und dann einen Film von Chantal Akerman einspricht.
Gut passen bedeutet aber auch, dass ich auf die Persönlichkeiten und Vorlieben der Übersetzerinnen achte. Ich weiß von einigen, dass sie eine gewisse Art von Film bevorzugen. Manche sind etwas hibbelig und brauchen mehr Action. Denen teile ich bestenfalls nicht einen Film mit viel Bild und wenig Text zu. Eine unserer Übersetzerinnen ist hauptberuflich Anwältin. Das war natürlich eine gute Voraussetzung, um ihr dieses Jahr einen Film aus dem Mexikoprogramm zuzuteilen, bei dem es um juristische Fragen und Gerichtsverhandlungen ging. Ich versuche also, diese Anknüpfpunkte zu berücksichtigen und einen Plan zu erstellen. Außerdem kümmere ich mich noch um das Material und prüfe die Übersetzungen vor der letzten Fassung.

Welche Arbeitsschritte geht Ihr Team denn durch, bis diese letzte Fassung der Übersetzung vorliegt?

Wir bekommen die Filme im Idealfall acht bis sechs Wochen vor dem Festival. Uns werden ein Screener und oft auch die Dialoglisten zugeschickt. Wir schauen uns den Film an, übersetzen die Dialoglisten oder vorhandene Untertitel und checken, ob diese auch der uns vorliegenden Filmversion entsprechen. Dann bearbeiten wir die Übersetzungen, weil die erste Version meist ein wenig zu lang ist. Denn sowohl beim Einklicken als auch beim Einlesen muss man ein bisschen kürzen. Im Untertitel darf nicht mehr stehen, als in der Zeit, die er angezeigt wird, lesbar ist. Und die Wirkung des Films darf auch nicht unter der Fülle unserer Übersetzung leiden.
Bei eingesprochenen Filmen ist hier die Arbeit quasi schon durch. Bei Untertiteln wird die Übersetzung an das Festivalbüro geschickt und Helge Schwache macht daraus eine PowerPoint. Die Übersetzerin übt dann mit dieser PowerPoint und dem Screener das Einklicken.
Zusammen mit den Übersetzerinnen schaue ich ein paar Tage vor der Vorführung noch einmal, ob wir den einen oder anderen letzten Fehler herausfinden oder an manchen Stellen doch etwas anders sagen müssen. Denn interessanterweise ist es so, dass, je mehr man einen Film anschaut, man immer mehr Details entdeckt. Kurz vor der Vorführung übt jeder noch mal das Einklicken und Einsprechen seiner Filme.

Was passiert dann während der Vorführung?

Wir sitzen mit unseren vorbereiteten Texten meist hinten oder seitlich im Kino; immer so, dass wir den Film sehen und hören, aber niemanden stören. Da haben wir dann unser Pult mit Rechner, unserem Mikrofon und Kopfhörern. Im Odeon haben wir eine richtig komfortable Dolmetschkabine.
Beim Untertitel kommt dann unsere PowerPoint zum Einsatz. Die Zeilen werden entsprechend dem Sprechrhythmus im Film eingeklickt. Und beim Einsprechen ist es ebenso. Wir halten uns bestenfalls an den Sprechrhythmus, beziehungsweise an die englischen Untertitel, wenn diese vorhanden sind.
Ich habe dieses Jahr zum Beispiel Crystal Lake synchronisiert. Der Film hatte gar keine Untertitel und deswegen habe ich ihn simultan gedolmetscht. Ich habe also immer dann gesprochen, wenn auf der Leinwand gesprochen wurde. Weil ich Simultandolmetscherin bin und der Film nur 20 Minuten lang ist, war das auch kein großes Problem. Bei einem dialoglastigen, abendfüllenden Film wäre das schon anders gewesen.

Das stelle ich mir spannend vor. Für Sie ist jede Vorführung ja auch ein Live-Auftritt.

Ja, das kann schon spannend sein. Bis man im richtigen Klickrhythmus ist, braucht man eine Weile. Außerdem ist es auch noch mal etwas anderes, den Film zum ersten Mal auf der Leinwand zu sehen statt wie vorher auf einem Laptop. Manchmal ist die Version im Kino eine andere als uns vorher zur Verfügung stand. Da ist Spontanität gefragt.

Welche Szenen sind denn trotz aller Vorbereitung noch die schwierigsten?

Die Szenen, in denen sehr viel Dialog sehr schnell ist. Da müssen wir in einem schnellen Tempo sprechen oder Klicken. Beim Sprechen muss man trotzdem noch diese minimale Pause lassen, damit die Zuhörer wissen, wer da gerade spricht. Auch wenn in einem Film viel geflüstert wird, muss ich mir immer verkneifen, ebenfalls zu flüstern. Denn die Kinobesucher, die ja eine gewisse Lautstärke auf ihren Kopfhörern eingestellt haben, müssen mich ja trotzdem hören.

Das heißt, Sie schauspielern nicht, um die Emotionen des O-Tons rüber zu bringen?

Das wäre ausgesprochen schwer, denn in manchen Filmen gibt es zehn Protagonisten und ich kann ja nicht alle Rollen spielen. Die Idee von dem, was wir machen, ist eine Unterstützung; eine Art Service für diejenigen, deren Fremdsprachenkenntnis nicht gut genug ist, um die Untertitel oder das Original zu verstehen. Das heißt, wir nehmen uns ein bisschen zurück und bieten nur eine Art Klangteppich oder Wortteppich. Film ist hauptsächlich ein bildliches Medium, also soll in erster Linie das Bild auf der Leinwand wirken. Wir sind da sehr sehr sekundär.
Bei den Schulfilmen ist es ein bisschen anders. Da ist das Publikum weitaus jünger und die Filme sind mitreißend, aufregend, bewegend, angstmachend – und das Publikum geht mit. Die Kinder und Jugendlichen haben keine Kopfhörer auf, sondern unsere Stimme geht in den Saal, wie ein Voiceover bei einer Fernsehsendung. Und da können und sollten wir auch etwas mehr Expressivität rein setzen. Denn es wäre nicht schön, wenn es einen Bruch zwischen dem gäbe, was die Kids sehen und was aus den Lautsprechern kommt. Schön ist es dann auch, die Gespräche mit Regisseurinnen und Produzentinnen zu dolmetschen. Das gibt uns noch einen anderen, interessanten Einblick ins Kino.

Müssen Sie sich nicht manchmal ein Lachen verkneifen?

Doch, natürlich. Es gibt auch sehr lustige Filme oder Szenen, bei denen ich mir ein Lachen verkneifen muss. Manchmal kann ich mir zumindest das Lächeln in der Stimme nicht verkneifen oder muss kichern – aber dafür gibt es in der Kabine ja die Räuspertaste.

Herzlichen Dank für das Interview!

 

Interview: Mendy Stoll
Foto: Guido Schiefer, IFFF



Der Beitrag wurde am Mittwoch, den 27. April 2016 um 17:55 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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