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„La Tête Haute“ – ein lautes Sozialdrama

la_tete_haute„La Tête Haute“ ist ein Coming-of-Age-Film der französischen Regisseurin Emmanuelle Bercot. Er erzählt die Geschichte von Malony, einem straffälligen Jugendlichen, der einen schwierigen Fall für die Jugendgerichtsbarkeit darstellt. Die Jugendrichterin Florence und der Sozialarbeiter Yann versuchen, ihn mit Konsequenz und Herz wieder auf die richtige Bahn zu lenken. Eine Geschichte über Optimismus und Hoffnung sowie Stärken und Schwächen standardisierter Strafverfahren.

„La Tête Haute“ bedeutet übersetzt „erhobenen Hauptes“. Anfangs hat das jedoch nicht viel mit dem Protagonisten Malony zu tun, der meist abweisend und wütend auf den Boden starrt, versteckt unter einer Kapuze. „Ich habe ein Monster erschaffen“, sagt seine eigene Mutter Séverine Ferrandot über ihren Sohn, den man im Film von seinem fünfzehnten bis achtzehnten Lebensjahr begleitet. Malony ist ein Jugendlicher, der komplett von der Bahn abgekommen ist. Er stiehlt Autos, ist gewalttätig und hält sich an keine Regeln. Die völlig überforderte und drogenabhängige Mutter wird schon früh vom Jugendamt betreut. Eine tragende Rolle spielt dabei die Richterin Florence, die für Malonys Fall zuständig ist.

Der Film zeigt, wie verzweifelt alle Verfahrensbeteiligten um Malony und sein Schicksal kämpfen. Zentraler Ort der Diskussion ist dabei das Büro der Richterin. Hier kommen regelmäßig Malonys Mutter, der Strafverteidiger, die Richterin und Malony zusammen, um über ihn zu reden und ihre Einschätzungen der Situation auszutauschen.

Bei der ersten gezeigten Tat fährt Malony ein gestohlenes Auto in rasantem Tempo über einen Parkplatz. Auf der Rückbank sitzen ein Mädchen und ein kleiner Junge. Erst beim zweiten Hinschauen erkennt der Zuschauer in dem Mädchen die Mutter von Malony, die sichtbar amüsiert bei der ganzen Aktion mitmacht. Dieses Bild von ihr zieht sich durch den ganzen Film. Sie liebt ihre Kinder und will sie beschützen, aber keine Verantwortung übernehmen. Nach und nach erschließt sich dem Zuschauer somit, wo sich Malony sein Verhalten abgeschaut hat. Er übernimmt zahlreiche Redewendungen seiner Mutter und orientiert sich in seiner Wortwahl und seinen heftigen aggressiven Ausbrüchen stark an ihr. So fühlt auch er sich immer wieder von Leuten „wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen“ und sucht die Verantwortung für seine Fehler bei anderen, wie seinem „nutzlosen“ Betreuer. Ein Wort, das er gerne für andere benutzt, da er es selbst zu oft hören musste. Dass der 19-jährige Schauspieler Rod Paradot eigentlich ein Handwerker ist und nichts mit dem Schauspielen am Hut hatte, bevor die Regisseurin Emmanuelle Bercot ihn zufällig entdeckte, merkt man ihm nicht an. Die Rolle scheint ihm auf den Leib geschrieben, er spielt sie intensiv, mit Ausdruck und Energie und bringt einem den Charakter Malony näher als einem manchmal lieb ist. Gerade durch viele Nahaufnahmen von Malony ist man seinen Emotionen und Ausdrücken sehr intensiv ausgesetzt.

Emmanuelle_Bercot_Cannes_2015

Emmanuelle Bercot ist eine 1967 in Paris geborene Schauspielerin, Drehbuchautorin und Regisseurin. Bereits 1997 wurde sie für ihren Abschlussfilm „Les vacances“ in Cannes ausgezeichnet. „La Tête Haute“ eröffnete 2015 die Internationalen Filmfestspiele von Cannes. Neben ihrer Regiearbeit ist Bercot auch als Schauspielerin in verschiedenen französischen Produktionen zu sehen.

Eine Kehrtwende findet in Malonys Leben statt, als er in einem Rehabilitationscenter Tess, die Tochter seiner Lehrerin, kennenlernt. Die beiden kommen sich näher und schlafen miteinander. Malony zeigt in dieser Situation wieder, wie impulsiv und unkontrollierbar er ist. Aus anfangs zärtlichen Küssen entsteht eine Sexszene zwischen den beiden 16-Jährigen, die mehr an eine Vergewaltigung als an einen Liebesakt erinnert. Und wie so oft in diesem Film, fühlt sich der Zuschauer fast schon zu nah am Geschehen. An der Szene wird nichts beschönigt: die schnell herunter gezogene Jogginghose, der nackte Hintern von Malony, der schnell und brutal zustößt, während Tess wimmernd unter ihm liegt. Aber kurz danach sieht man auch einen Malony, der sich auf einmal überraschend zurückzieht und sich weinend in der Ecke des Bettes zusammenkrümmt. Eine schockierende, aber auch emotionale Szene, die zeigt, wie viel Unsicherheit hinter der harten Fassade von Malony steckt, dem doch sonst alles scheißegal scheint. Überhaupt beschönigt der Film nichts und ist ganz klar in seinen Linien. Klare Dialoge, klare Bildsprache – Spielraum für Interpretationen gibt es kaum. Die Entwicklung des Protagonisten steht im Vordergrund.

Und so wird langsam deutlich: Malony ist nicht so abgeklärt, wie er wirken möchte. Er findet die Mutter, die ihm zu Hause immer gefehlt hat, in der Rolle seiner Richterin wieder. Catherine Deneuve spielt eine Frau mit geradezu Queen-ähnlichem Auftreten, die mit Herzblut ihrem Job nachgeht. Mit eindrucksvollem schauspielerischem Feingefühl stellt sie den inneren Konflikt der Richterin dar. Diese versucht, ihren Job professionell auszuüben und betont immer wieder, dass Malony nur einer von vielen sei. Aber weder Malony noch dem Zuschauer kann sie verheimlichen, wie sehr sie das Schicksal ihres Schützlings beschäftigt.

Trotzdem braucht es einige Jahre, bis Staatsbeamte und Malony endlich auf einen gemeinsamen Nenner kommen. Zu lange wird versucht, Malony auf einen standardisierten Weg zu schieben. Weil er selbst noch keine Antwort darauf gefunden hat, was genau er will, versuchen andere, ihm diese Entscheidung abzunehmen. Hier wird klar thematisiert, was der Staat alles tun kann, aber eben auch, wo seine Grenzen sind und wie sinnlos manche Verfahren sein können.

Yann, Malonys neuer Betreuer, ist selbst ein ehemaliger Schützling der Richterin und ist damit ein vorbildhaftes Beispiel, wie gut eine Rehabilitation durch den Staat funktionieren kann. Und auf einmal sieht man Hoffnung für Malony, dass er vielleicht die gleiche Geschichte schreiben kann. Er verstößt jedoch erneut gegen die Regeln und diesmal bringen ihn seine Taten ins Gefängnis. Die Richterin scheint den Glauben an ihn verloren zu haben. Doch dann erfährt Malony, dass Tess schwanger ist – und das ändert alles für ihn. Malony sieht in dem Kind eine Chance, alles besser zu machen. Ob er am Ende mit „La Tête Haute“ aus der Geschichte heraus gehen kann?

Der Film ist ein typisches Coming-of-Age-Drama, das von Optimismus und aus scheinbarer Chancenlosigkeit aufkeimenden Hoffnung erzählt. Die Regisseurin Emmanuelle Bercot hat damit eine Hommage an alle geschaffen, die sich fürsorglich um straffällig gewordene Jugendliche kümmern. Dabei zeichnet sie jedoch ein optimistisches, vielleicht sogar naives Bild der Staatsbeamten, die man in dieser Form in der Realität vermutlich selten findet, sich so aber wünschen würde. Trotzdem zeigt der Film eine authentische Geschichte, die einen von Anfang an abholt und auch zwei Stunden lang nicht loslässt.

 

Text: Lia Hermanns

Bilder: IFFF Dortmund|Köln (Szene aus La Tête Haute); Georges Biard, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=40665889 (Emmanuelle Bercot)



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Der Beitrag wurde am Mittwoch, den 27. April 2016 um 12:52 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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