Mit „draußen“ einen Blick ins Innerste werfen – eine dokumentarische Eröffnung

Der diesjährige Eröffnungsfilm des Internationalen Frauenfilmfestivals draußen erzählt die Geschichten von vier Menschen, die in Köln auf der Straße leben. Besonders ist dabei, dass die Protagonisten nicht nur über ihre Worte, sondern darüberhinaus über ihre Besitztümer porträtiert werden, die besonders in Szene gesetzt sind. Da ist zum Beispiel Elvis, der unter freiem Himmel lebt, dem es aber wichtig ist, dass sein Platz ordentlich und aufgeräumt ist. So ein „Gekruschel“ mag er nicht, was sollen denn die Leute denken, die vorbeigehen? Die Plastikblumen auf seinem improvisierten Tisch wirken keinesfalls fehl am Platz. In der Rolle der Vorbeigehenden erkennt sich der Zuschauer, ohne den Vorhalt eines erhobenen Zeigefingers. Vielmehr regen die Szenen zum Nachdenken an. Wann habe ich zum letzten Mal wirklich hingeschaut, wenn mir ein Obdachloser begegnet ist? Der Film gibt vielleicht nicht allen scheinbar unsichtbaren Randfiguren unserer Gesellschaft eine Kontur, aber mindestens seinen Protagonisten.

Elvis, Matze, Sergio und Peter mit Namen, werden sie nicht nur in einer Momentaufnahme festgehalten, sondern regelrecht inszeniert und in einer Installation verkörpert: Zwischen die Geschichten sind Szenen geschaltet, in denen Gegenstände der Protagonisten, in eine eigentümliche Atmosphäre gehüllt, im Mittelpunkt stehen. Habe ich anfangs noch gedacht, die kunstvolle Inszenierung der Gegenstände sei zu viel des Guten, habe ich nach einiger Zeit verstanden – die Charaktere bekommen in diesen Zwischensequenzen ihren ganz eigenen Raum. Den sie allemal verdienen. An unsichtbaren Bindfäden hängen essenzielle Dinge, wie ein martialisch aussehendes Outdoormesser oder eine kleine Meerjungfrau aus dem Überraschungsei. Zeichnungen, Kaffeekocher oder ein verblichenes Foto aus einer längst vergangenen Karnevalssession muten, in kunstvolles Licht getaucht, als das an, was sie sind: wertvolle Relikte, die diese Menschen komplettieren und ausmachen.

Der Film ist rund. Farben, Kameraeinstellungen und nicht zuletzt die dem Werk innewohnende Authentizität bilden eine schlichte wie berührende Einheit. Den Regisseurinnen Johanna Sundermann-Plassmann und Tama Tobias-Macht ist mit draußen, der bereits auf der Berlinale 2018 gezeigt wurde, ein sehr würdevolles Werk gelungen. Ohne offenkundige Regie-Elemente wie Fragen aus dem Off stellt der Film den Titel und die diesen verkörpernden, eindrucksvollen Charaktere klar und schnörkellos in den Vordergrund. Dabei werden persönliche Themen wie Kindheitserinnerungen, Zufriedenheit mit dem Leben oder auch Scham vor der Familie skizziert.

Am Tag, nachdem ich den Film schauen durfte, habe ich „meinem“ Obdachlosen den üblichen Morgengruß geschenkt. Nach drei Schritten an ihm vorbei habe ich mich noch einmal umgedreht, um ihm den Apfel zuzuwerfen, in den ich gerade beißen wollte. Auf die spontane Geste bin ich nicht stolz. Aber der Film hat definitiv etwas mit mir gemacht. Wer die Möglichkeit hat, sollte sich draußen unbedingt ansehen. Hier geht´s zum Tailer: https://vimeo.com/254169906.

Die Vorführ-Termine für draußen im Überblick:

  • Dienstag, 24. April, 19.30 Uhr: Festivaleröffnung im Odeon
  • Donnerstag, 26. April, 11.15 Uhr, Filmforum im Museum Ludwig (Schulfilmprogramm) und
  • 16.00 Uhr, Odeon

Von Julia von Witzenhausen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.