A Woman Captured – eine Dokumentation über moderne Sklaverei in Europa

Moderne Sklaverei mitten in Europa?! „Nein, das gibt es nicht mehr“, hätte ich bis vor Kurzem ganz sicher behauptet. Doch der Dokumentarfilm A Woman Captured  der ungarischen Regisseurin Bernadett Tuza-Ritter hat mich eines Besseren belehrt. Sie hat Marish, eine 53-jährige Ungarin, die seit zehn Jahren von einer Familie als moderne Sklavin gehalten wird, eineinhalb Jahre lang mit der Kamera begleitet. Eta, die Frau, die Marish als Dienerin eingestellt hat, führt einen Haushalt, der für hiesige Verhältnisse als Mittelklasse zu bezeichnen ist. Neben Marish gibt es im Haushalt noch weitere Diener, doch Tuza-Ritters Dokumentarfilm erzählt allein die Geschichte von Marish.

Es ist die Geschichte einer kläglich gebrochenen Frau, deren Gesicht mit tiefen Falten übersät ist. Marish wirkt wie eine zerbrechliche alte Frau. Ihre Haltung ist gekrümmt. Ihre Augen strahlen Traurigkeit und Zerrissenheit aus. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum die Regisseurin Marish fast immer in der Totalen filmt. Marish im Zug, beim Rauchen, Telefonieren, Kochen – immer wieder ruht die Kamera auf ihrem Gesicht. Marish wird von der Familie, der sie dient, finanziell ausgenutzt und körperlich misshandelt. Eta schlägt sie regelmäßig. Doch die Polizei würde Marish nie rufen, zu groß ist ihre Angst. Sie wird herumkommandiert, beleidigt und man macht sich über sie lustig. Szenen, die man als Zuschauer*in nur schwer ertragen kann – zu groß ist die eigene Wut.

Im gesamten Film sieht man fast nur Etas Hände und hört ihre Stimme. Ihre Fingernägel sind lang und pink lackiert. Lediglich an einer Stelle wird sie von der Seite gefilmt. Erkennbar sind ihre blond gefärbten Haare und ihr schwarzer Fellmantel. In dieser Szene erinnert sie mich stark an Cruella De Vil aus 101 Dalmatiner. Nur stammt sie nicht aus einem Disney-Märchen, sondern ist eine reale Person aus einem Vorort von Budapest.

Verstörend wirken Szenen, in denen Marish Eta mit „Életem“ oder „Szivem“, anspricht, was auf Ungarisch so viel bedeutet wie „mein Leben“ und „mein Herz“. Man fragt sich in diesen Szenen, wie viel Leid ein Mensch ertragen und trotzdem einen liebevollen Umgang pflegen kann. Wieso steigt Marish nicht in den Zug und flieht, frage ich mich immer wieder. Ich verstehe ihre Unterwürfigkeit nicht, bis ich durch die Gespräche zwischen Bernadett Tuza-Ritter und Marish mehr über ihre Vergangenheit erfahre.

In anderen Szenen zeigt Tuza-Ritter Marish still und pur – auf dem Bett sitzend, verträumt auf den Boden schauend und dabei eine Zigarette rauchend. Die stille Intimität strahlt eine so starke Traurigkeit aus, dass die Regisseurin keinen Gebrauch von Musik gemacht hat, um die Stimmung zu unterstreichen. Sie bringt ihre Protagonistin beeindruckend nah an die Zuschauer*innen.

Es ist ergreifend zuzusehen, wie zwischen Bernadett Tuza-Ritter, die während des gesamten Films lediglich hinter der Kamera zu hören ist, und ihrer Protagonistin ein freundschaftliches Verhältnis wächst. Die Regisseurin schafft es, Marish hin und wieder ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern und dieselbe Emotion auf die Zuschauer*innen zu übertragen. Sie schafft es auch, dass Marish sich emotional öffnet und ihr Geheimnisse anvertraut. „Du bist die einzige Person, der ich noch vertraue“, sagt Marish zu ihr. Sehr beeindruckend finde ich vor allem, wie die Regisseurin es schafft, dass man als Zuschauer*in Eta gegenüber so viel Wut und Abneigung empfindet, obwohl man nur Marishs Gesicht kennt.

Der Dokumentarfilm A Woman Captured erzählt auf bedrückende und beängstigende Weise die wahre Geschichte einer Frau mit einem herzzerreißenden Schicksal. Ein Schicksal, welches sie mit europaweit 1,2 Millionen Menschen teilt. Der Film öffnet die Augen und sensibilisiert für das Thema der modernen Sklaverei. Eine große Empfehlung!

Hier ein kleiner Eindruck : https://vimeo.com/242714424.

Für alle, die den Film in voller Länge sehen möchten:  A Woman Captured läuft am Mittwoch, den 25.04.2018 um 18:30 Uhr im ODEON.

Von Destina Zülfikar

 

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