„Ich hatte wirklich etwas Respekt davor!“ – Betty Schiel im Interview zu „Über Deutschland“

In der Kölner Ausgabe gibt es beim Internationalen Frauenfilmfestival immer einen wechselnden Länderschwerpunkt. Dieses Jahr ist Deutschland an der Reihe und unser Blick richtet sich nach innen. „Über Deutschland“ ist nicht nur der Fokus, sondern stellt auch die Frage „Was denkst du über Deutschland?“. Die Filmkuratorin Betty Schiel hat schon oft das Programm betreut, sei es zum Themenfokus Arabische Welt, Balkan, Türkei, Brasilien und vielen mehr. Jetzt erzählt sie über die Entstehung des Programms „Über Deutschland“, was in diesem Jahr anders war, über die Zusammenarbeit mit Kuratorinnen, Regisseurinnen, Künstlerinnen und welche Botschaft vermittelt werden soll.

Wie ist die Herangehensweise, wenn man ein Programm mit einem Länderschwerpunkt macht?

Normalerweise sucht man sich eine Expertin zur Unterstützung, die sich sehr gut mit der Filmgeschichte oder mit dem auskennt, was gerade aktuell in dem Land passiert. Man fährt dann hin und spricht mit Leuten, geht in Archive, sichtet, was von Frauen entstanden ist. Wir stellen uns Fragen wie: Wie ist die politische Situation, welche Thesen kann man formulieren?

Was war dieses Jahr anders?

„Über Deutschland“ – das ist weit gefasst, und ich hatte wirklich etwas Respekt davor. Auch im Zuge der aktuellen politischen Debatten, die teilweise stark nach rechts rutschen, und einer Ausländerfeindlichkeit, die in den Medien präsent ist. Das war eine Herausforderung und uns war klar – das sollte keine Schau werden unter dem Motto „Der deutsche Film steht gut da, und die wichtigsten deutschen Regisseurinnen sind hier versammelt“. Wir haben ein Brainstorming mit Kuratorinnen, Künstlerinnen und Menschen gemacht, deren Meinung uns interessierte und sie gefragt: „Was denkst du denn über Deutschland?“ Natürlich wollten wir uns auf die aktuelle politische Situation beziehen, auf die Debatten über Geflüchtete. Rassismus spielt auch eine wesentliche Rolle. Unser Ziel ist außerdem, ein Programm zu machen, dass divers ist, sodass unterschiedliche Menschen zu Wort kommen. Zum Beispiel auch mit dem Video-Workshop „I speak so you dont speak for me, das ist fast auch eine Art Motto des Programms.

HEIM ist eine szenische Lesung und kein Film, warum habt ihr euch für so ein Format entschieden?

Die Kuratorin und Produzentin Irit Neidhardt hat einen Filmverleih in Berlin (mec Film) und ist Spezialistin für den Nahen Osten.  Sie hat uns eine Autorin und Regisseurin empfohlen, mit der sie schon zusammengearbeitet hatte: Liwaa Yazji  ist Ko-Autorin eines Drehbuchs der Fernsehserie HEIM. Es geht um eine Asylbewerber-Unterkunft und um die Menschen, die dort wohnen und arbeiten. Es kommt der Verdacht auf, es könne ein terroristisches Attentat geschehen sein. Am Ende stellt sich das aber als falsch heraus. Die Serie wurde noch nicht produziert, aber wir finden das Projekt spannend und möchten über die Rahmenbedingungen diskutieren. Da fanden wir die Idee einer szenischen Lesung gut – noch dazu mit zwei tollen Schauspieler*innen (Ursula Strauss und Jesse Albert).  Die beiden lesen aus dem Drehbuch, und wir diskutieren im Anschluss mit Liwaa Yazji darüber, welche Besonderheiten das neue Arbeitsumfeld in Deutschland für sie als Syrerin mit sich bringt.

Migration spielt für uns Deutsche in der heutigen Zeit eine große Rolle, jedoch ist es kein neues Thema, oder?

Passing Drama von Angela Melitopoulos verortet die ersten großen Massenflüchte am Ende des ersten Weltkriegs. Auch ihre Familie war betroffen und anhand des eigenen Großvaters rollt sie das Thema auf und macht ein weites Feld auf, das bis in die Gegenwart reicht. Migration gab es natürlich schon wesentlich früher, das ist kein neues Phänomen, allerdings betrifft es heute so viele Menschen wie nie zuvor.   

Ein anderer Dokumentarfilm zeigt den Arbeitskampf der Gastarbeiterinnen in den 70er Jahren. Warum gerade „Pierburg. Ihr Kampf ist unser Kampf“?

Das ist ein gelungenes Beispiel für demokratischen Widerstand im öffentlichen Leben von Gastarbeiter*innen in Deutschland. Auf den Film Pierburg: Ihr Kampf ist unser Kampf hat uns Aurora Rodonò aufmerksam gemacht. Er ist sehr spannend und wenig bekannt. Wir laden dazu Gäste ein, die damals dabei waren und bitten sie, in der Rückschau von den Ereignissen rund um diesen wilden Streik bei Pierburg zu berichten. Da kommt wieder unser Motto „I speak so you dont speak for me“ ins Spiel.

Es wird demonstriert oder gestreikt. Werden im Programm auch Filme gezeigt mit einer anderen Form von Meinungsäußerung?

Ich habe eine Regisseurin angesprochen, die ich interessant finde, Cana Bilir-Meier, weil ich einen Kurzfilm von ihr kannte: Semra Ertan. Der Film handelt von ihrer Tante, die sich in den 80er Jahren in einem radikalen Akt in Hamburg selbst verbrannt hat. Damit wollte sie auf die Ausländerfeindlichkeit in Deutschland aufmerksam machen und hat dies klar als politisches Statement verstanden. Cana hat das aufgearbeitet, indem sie die öffentliche Reaktion auf diesen Selbstmord im Fernsehen und in den Medien darstellt und mit Gedichten und poetischen Texten von Semra Ertan kombiniert. Der Film wird auch auf dem Festival zu sehen sein.

Cana Bilir-Meier macht auch bei den NSU-SPOTS mit, wie auch verschiedene andere Autor*innen. Was hat es mit dem Tribunal „NSU Komplex auflösen“ auf sich?

SPOTS sind im Zuge des Tribunals „NSU Komplex auflösen“ entstanden – von sehr vielen unterschiedlichen Regisseur*innen. Das Tribunal ist ein partizipatives Projekt, das 2017 gestartet wurde, weil die Aufarbeitung der Morde durch den NSU nicht wirklich zu gelingen schien. Die Opfer fühlten sich so, als ob sie keine Sprache hätten und haben sich auf diesem Weg Gehör verschafft. Es geht um eine (Gegen-)Erzählung über den NSU Komplex.
SPOTS waren auch bei der documenta 14 zu sehen. In Wo warst du am 6. Mai 2006? wird eine Demonstration gezeigt, bei der Migrant*innen auf die Straße gegangen sind mit dem Tenor „Es sind bisher nur Türken umgebracht worden, wie kann das sein, dass nicht im rechten Milieu ermittelt wird?“.

Es geht viel um die Art, wie man seinen Gedanken und Gefühlen Ausdruck verleiht, doch warum war es so spannend, anhand dieser Filme das Programm zu gestalten?

Wenn man sich die Filme und Beiträge des Programms anschaut, realisiert man über Jahrzehnte eine große Kontinuität von strukturellem Rassismus in Deutschland. Widerstände dagegen herauszuarbeiten, das finde ich sehr interessant.

Welche Botschaft soll nach außen getragen werden?

Wir wollen mit diesem Programm für eine vielstimmige Gesellschaft plädieren. Um darüber nachzudenken, wie sich bestimmte Ausschlüsse und Rassismen politisch und medial aufgebaut haben, kann es hilfreich sein, in die Vergangenheit zu schauen. Wir verstehen dann besser, wo wir jetzt stehen. Nicht so zu tun, als wäre mit den aktuellen Fluchtbewergungen plötzlich erst ein Problem entstanden, das wir schnell aus der Welt schaffen müssen, sondern auch das Potenzial erkennen, das sich uns bietet. Ich stelle fest, dass es eine gewisse Form von Angst gibt, und man sucht nach starken Figuren, die einem die Angst wieder nehmen. Das wird aber nicht gelingen. Dieses Programm ist auch ein Plädoyer dafür, jenseits von Nationalstaaten zu denken. Vielleicht auch gegen diese immer gleichen Bilder zu arbeiten, die in den Medien gezeigt werden. Wenn Flüchtlinge vorkommen, werden sie meistens als Opfer dargestellt, als ob sie immer arm dran wären. Es ist fast immer ein Blick von außen auf die Leute.

Eine weitere Debatte ist auch die Teilhabe von Frauen an und in der Filmbranche. Leider gibt es noch viel zu wenige türkischstämmige Regisseurinnen im Verhältnis zu den Leuten, die hier sind. Natürlich gibt es einige, aber wenn man bedenkt, wie viele Millionen türkischstämmige Menschen in Deutschland leben, sind sie nicht gut repräsentiert. 

Vielen Dank!

 

Ein Interview von Karla Wagner

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