„Königin von Niendorf“: Seinen Platz im Leben finden

Die Sommerferien haben begonnen und für Lea ist der geplante Ausflug ins Sommercamp ins Wasser gefallen. Sie findet sowieso, dass die anderen in letzter Zeit alle komisch geworden sind, weil sie sich auf einmal für Schminke und Tanzen interessieren und sogar für Jungs!  Sie hat das Gefühl, nicht länger in ihre alte Clique hineinzupassen und weiß deshalb nicht, wo ihr Platz nun ist. Die Kartoffel-Gang, eine Jungsbande, der Lea zufällig über den Weg läuft, könnte die Lösung sein. Doch die wollen kein Mädchen aufnehmen, denn „Mädchen haben immer vor allem Angst!“

„Ich habe keine Angst!“, sagt Lea entschieden. Im Laufe des Films beweist sie durch verschiedene Mutproben und Aufgaben, die ihr die Jungs stellen, wie furchtlos sie tatsächlich ist. Das ein oder andere Mal befindet sie sich dabei hart an der Grenze, sodass der Zuschauer bereits denkt: „Das war jetzt vielleicht ein bisschen zu furchtlos!“

Auch das ein oder andere Geheimnis gibt es für Lea und die Bande zu lüften. Was macht der Feuerwehrmann jeden Abend, wenn er sich heimlich in seinen Keller einsperrt? Und wie können sie verhindern, dass ihr guter Freund Mark der Musiker seinen Hof verliert?

Joya Thome zeigt in ihrem Film Königin von Niendorf eindrucksvoll, wie wichtig es ist, einen Platz für sich im Leben zu finden und wie früh das bereits nötig sein kann. Doch der Film ist aus vielen Gründen eindrucksvoll: Für eine Schauspielergruppe, die größtenteils aus Laien besteht, und bei nur 20.000 Euro Produktionskosten wirkt der Film erstaunlich professionell und vielfältig. Die Jungs der Bande schauspielern beispielsweise für diesen Film zum ersten Mal. Sie wurden mithilfe eines Castings aus Schulen in der Nähe von Niendorf (Brandenburg) ausgewählt. Lisa Moell, die Lea spielt, hat bereits etwas Schauspielerfahrung. In Königin von Niendorf spielt sie jedoch ihre erste Hauptrolle und meistert sie bravourös. Während des ganzen Filmes wirkt ihre Mimik nachdenklich, ernst und konzentriert. Wenn sie zum Ende des Films ihr erstes zaghaftes Lächeln zeigt, ist es für den Zuschauer der krönende Abschluss des Filmes.

Auch Musik und Geräusche des Films überzeugen. Bei der Hintergrundmusik handelt es sich meistens um sanfte Gitarrenklänge, die den Sommereindruck verstärken, weil man sie so oder so ähnlich im Sommer am Lagerfeuer erwarten würde. Auch die Geräuschkulisse, die aus der Natur eingefangen wird, ist beeindruckend: Wenn Lea durch die Landschaft rund um Niendorf wandert, hört man überdeutlich das Rascheln des Grases bei jedem ihrer Schritte, das Quaken von Fröschen, das Zwitschern von Vögeln, das Rascheln der Blätter in den Bäumen … In diesen Momenten vergisst der Zuschauer, dass er in einem Kinosaal sitzt, sondern fühlt sich, als wäre er mit dabei.

Am Anfang des Films gibt es viele Sprünge aufgrund von Ortswechseln, sodass stets kleine Momentaufnahmen von Leas Leben gezeigt werden. Deshalb fällt es dem Zuschauer leicht, Leas Welt kennenzulernen. Gleichzeitig dauert die Identifikation mit der Person etwas länger. Nach dem Überblick über ihre Welt ändert sich diese Schnitttechnik und der Zuschauer beginnt, Lea als Person kennenzulernen.

Mit Königin von Niendorf ist sowohl Joya Thome als auch Lisa Moell ein fantastisches Debüt gelungen. Der Film ist für jede Altersgruppe empfehlenswert. Und wer sich als besonders aufmerksamer Zuschauer beweisen möchte, mag kleine unterhaltsame Unstimmigkeiten entdecken; zum Beispiel eine Milchkanne am Fahrrad, die auf wunderliche Weise in der nächsten Einstellung verschwunden ist.

Bei der Filmvorführung für Schulklassen am 24.4.2018 in Köln war Joya Thome nach dem Film persönlich vor Ort und beantwortete Fragen der Kinder. Dabei erzählte sie beispielsweise, dass es sich bei der Kulisse des Hofs von Mark dem Musiker um den Hof ihres Vaters Rudolph Thome handelt. Joya Thomes Inspiration für Königin von Niendorf war Lisa Moell. Nachdem die beiden sich kennengelernt hatten, wollte Thome unbedingt mit ihr drehen und schrieb daraufhin das Drehbuch. Auch auf ihre weiteren Pläne ging Thome kurz ein: Ihr nächster Film wird voraussichtlich von einer Vierzehnjährigen handeln und sich mit dem Heranwachsen und der Pubertät beschäftigen.

In Dortmund läuft Königin von Niendorf am 28.4.2018 um 15.00 Uhr im Kino im U. Wer sich einen Vorgeschmack in Form eines Videos holen möchte, findet den Trailer hier.

Von Jana Barina

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