„Estiu 1993 | Fridas Sommer“: Ein neues Leben

„Wo gehst du hin?“ – „Ich gehe zurück nach Hause.“ – „Warum?“ – „Weil mich hier niemand liebt.“ Carla Simón zeigt in ihrem autobiografischen Film Estiu 1993, wie die sechsjährige Frida sich nach dem Tod ihrer Eltern in ihrem neuen Zuhause einleben muss. Obwohl Onkel, Tante und Cousine sie liebevoll aufnehmen, hat das Mädchen Schwierigkeiten, mit der Situation klarzukommen.

Nach dem Tod ihrer Mutter sieht Frida zu, wie ihre Habseligkeiten in Kartons gepackt werden. Sie wirkt richtig hilflos, wie sie da steht mit ihrer Puppe im Arm und einfach zusieht, ohne etwas zu sagen. Es ist bereits dunkel, als der Wagen losfährt, der sie zu ihren Adoptiveltern bringt: Onkel Esteve, Tante Marga und Cousine Anna, die jünger ist als Frida.

Die Familie behandelt Frida zunächst sehr liebevoll und sieht über kleine Unartigkeiten hinweg, doch Frida sorgt mehr und mehr für Reibereien. Sie ist bockig, zickig und bringt Anna mehrfach in Gefahr. So strapaziert sie nach und nach die Nerven ihrer Adoptiveltern, die daraufhin strenger zu Frida sind, um ihr Grenzen aufzuzeigen. Doch zunächst verstärkt das nur Fridas Rückzug und Rebellion.

Im Wechsel zeigt die spanische Tragikomödie Estiu 1993 dem Zuschauer ausgelassenen kindlichen Spaß und den kritischen Blick auf das „schwierige“ Kind.  So baut Frida in einem Moment liebevoll ihre Puppen auf der Kommode auf, zählt ihrer Cousine Anna dabei von jeder den Namen auf und woher sie sie hat, im nächsten Moment erzählt sie ihrer anderen Tante die Lüge, dass ihre Adoptiveltern sie zwingen würden, die komplette Hausarbeit zu machen. In einem Moment spielt Frida mit ihrer kleinen Cousine, im nächsten schickt sie sie in den Wald, um sich zu verstecken, weil sie Ruhe vor dem kleinen Mädchen möchte.

Dieser Wechsel der Stimmungen wird von der Kameraarbeit unterstützt, die den Großteil des Films leicht wackeln lässt. So zeigt der Film, dass das Leben auch mal „wackelig“ ist, nicht immer alles geradlinig verläuft. Carla Simón sagt dazu: „Auf einmal müssen sich Onkel, Tante und Cousine in Vater, Mutter und Schwester verwandeln. Sie werden über Nacht eine Familie und müssen ein Verhältnis herstellen oder das existierende umgestalten.“ Obwohl der Film viel durch Gesten und Handlungen anstatt durch Worte sagt, sind dem Zuschauer die Gefühle der Familienmitglieder niemals fremd. Schauspielerin Laia Artigas, die die Rolle von Frida spielt, bringt durch ihre Mimik sehr gut Fridas unterschwellige Wut und gleichzeitige Unsicherheit zur Geltung. Auch Bruna Cusí, welche die Rolle von Tante Marga spielt, zeigt die Gefühle ihrer Figur gut in ihrer Mimik. So liefern sich Frida und Marga manchmal richtige Blickduelle.

Estiu 1993 ist durch Carla Simóns eigenes Leben inspiriert. Frida repräsentiert dabei Carla Simón, wie sie mit sechs Jahren ihre Eltern verlor und zu Verwandten ziehen musste. Oftmals ist es schwierig, sich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen – somit handelt es sich bei Carla Simóns Estiu 1993 um einen mutigen Debütfilm, dessen Ende die Zuschauer zu Tränen rühren kann. Die Premiere des Films war auf der Berlinale 2017, wo er den Best First Film Award und den Generation Kplus Grand Prix Jury Award gewann. Das sind nicht die einzigen Preise. Auch auf anderen Festivals wurde Estiu 1993 ausgezeichnet.

Während des IFFFs lief Estiu 1993 am 25.4. Solltet ihr den Film verpasst haben, bietet sich diesen Sommer eine neue Chance. Ab dem 26. Juli kommt er unter dem Titel Fridas Sommer in unsere Kinos. Hier könnt ihr euch schonmal den Trailer anschauen.

Von Jana Barina

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