Rassismus an der Tagesordnung: NSU SPOTS

Wenn der Schmerz anerkannt wird, wenn wir trauern können und wenn wir unsere Geschichten erzählen können, nur dann werden Vergangenheit und Zukunft möglich.

In den NSU-Prozessen haben die Angehörigen der Opfer der NSU-Anschläge Gerechtigkeit und Raum für ihre Stimmen eingefordert. Im Mai letzten Jahres kamen über 3.000 Menschen zu einem zivilgesellschaftlichen Tribunal in Köln zusammen, um über andere Perspektiven auf den NSU-Prozess zu diskutieren, nach der Rolle der Behörden zu fragen und Antworten auf ungeklärte Fragen zu fordern. Im Zuge dieses Tribunals entstanden die NSU SPOTS – eine Auswahl von diesen Clips wird in diesem Jahr auch auf dem Internationalen Frauenfilmfestival am Sonntag um 17 Uhr im Alten Pfandhaus gezeigt.

Ein Neonazi auf einem Fahrrad? Nein, das klingt irgendwie seltsam, skurril, das passt doch nicht. Einen Neonazi stellt man sich eher im großen Auto vor oder auf dem Motorrad, vielleicht noch in öffentlichen Verkehrsmitteln. Fahrradfahren ist mehr was für Sportler oder Menschen, die auf die Umwelt achten. Fahrradfahren hat etwas Friedliches, das passt nicht zu einem Menschen, der so viel Hass gegenüber anderen empfindet. Zeugen von mehreren Tatorten der NSU-Anschläge berichten von zwei Weißen auf Fahrrädern. Dass das Neonazis sein könnten, schließen die Behörden schnell aus. Dass die Täter aus dem Umfeld der türkischen Gemeinschaft kommen, ist da viel wahrscheinlicher. Vorurteile gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund begegnen einem überall, jeden Tag. Alltagsrassismus. Der Beamte hinter dem Schreibtisch, der zuerst die Akten vertauscht, verspricht dem Mann, der vor ihm sitzt, ihn im Auge zu behalten. Das mit der Aufenthaltsgenehmigung könne schwierig werden. Auf welcher Grundlage er diese Annahme tätigt, verschweigt er. Oder er weiß es selbst nicht. Ein junger Mann erzählt vom 9. Juni 2004, dem Tag, an dem die NSU eine Nagelbombe vor einem Friseursalon sprengt. Von der schnellen Reaktion seiner Mutter, die sofort zur Hilfe eilt und von der Polizei, die beginnt, im Umfeld zu ermitteln. Eine junge Frau, die sich nicht einschüchtern lassen will, die nicht aus Angst wegläuft, weil sie eben hier lebt. Menschen, die friedlich für Aufklärung demonstrieren, Angehörige, die Antworten fordern. Es dauert noch fünf Jahre, bis die Behörden das rassistische Motiv der Anschläge anerkennen, erst als die NSU sich 2011 selbst enttarnt und zu den Taten bekennt. Ein Vorgesetzter, der fordert, dass V-Mann Akten geschreddert werden. Tanzende Papierfetzen, die im Wind an den Ästen eines Baumes tanzen. Und was macht Richter Alexander Holt hier? Ein Gedenkschild aus Pappe und der vergebliche Versuch das Wort „Nazi“ darauf zu entfernen. Geschichten erzählen als Widerstand gegen die Annahme, alles sei Zufall. Resignation vor den Vorurteilen, die Identitätsfrage nicht zu klären, bin ich dies, bin ich das, wo gehöre ich eigentlich hin? „Ich werde immer wie eine Ausländerin behandelt.“ Wie kann man sich da deutsch fühlen?

Die NSU SPOTS zeigen eine andere Perspektive auf die rassistisch motivierten Anschläge des Nationalsozialistischen Untergrunds. Die Perspektive der Betroffenen, der Angehörigen und der Menschen, die noch immer mit  Vorurteilen und Rassismus konfrontiert werden. Sie geben den Menschen eine Stimme, einen Raum, über Rassismus und Vorurteile zu sprechen, sie anzuklagen.

Von Sophia Meyer

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